Wohnungsbrand in Rastatt: Soll Beschuldigter dauerhaft in die Psychiatrie?

Rastatt (sl) – Ein Rastatter soll im Verfolgungswahn seine Wohnung angezündet haben. Die Staatsanwaltschaft strebt seine dauerhafte Unterbringung an. Nun muss das Landgericht entscheiden.

Den Brand am 2. September bekommt die Feuerwehr relativ schnell in den Griff. Die Frage nach der Schuldfähigkeit des mutmaßlichen Brandstifters zieht sich noch hin. Foto: FFW/av

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Den Brand am 2. September bekommt die Feuerwehr relativ schnell in den Griff. Die Frage nach der Schuldfähigkeit des mutmaßlichen Brandstifters zieht sich noch hin. Foto: FFW/av

Soll ein 49-jähriger Rastatter, der beschuldigt wird, seine Wohnung und damit beinahe das ganze Haus in Brand gesteckt zu haben, dauerhaft in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden, oder ist der offenbar seelisch erkrankte Mann inzwischen so stabil, dass er keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellt? Vor dieser Frage steht die zweite Große Strafkammer des Landgerichts Baden-Baden. Dabei will sie sich nicht allein auf das Gutachten des Chefarzts der Achertal-Klinik Ottenhöfen stützen, wo der Beschuldigte zeitweise untergebracht war.

Beschuldigter ist seit Jahren drogenabhängig

Für die Staatsanwaltschaft Baden-Baden ist der Fall klar: Sie geht davon aus, dass der seit Jahren drogenabhängige Mann unter einer wahnhaften Störung leidet, weshalb er nicht in der Lage war, das Unrecht seiner Tat einzusehen und entsprechend dieser Einsicht zu handeln. Motiv für die Brandstiftung in den frühen Morgenstunden des 2. September 2020 sei demnach die wahnhafte Vorstellung des Mannes gewesen, in seiner Wohnung seien Angreifer, vor denen er sich schützen müsse. In diesem Zustand habe er den Brand in seinem Schlafzimmer gelegt und sei über eine Balkontür und das Dach eines Anbaus ins Freie gelangt. Die neun weiteren Bewohner des Sechsfamilienhauses konnten sich ebenfalls retten. Verletzt wurde niemand. Ein Ehepaar hat später bei Gericht Atteste über Rauchvergiftungen und zweiwöchige Arbeitsunfähigkeit eingereicht. Der Sachschaden wird auf mindestens 150.000 Euro geschätzt.

Insassen der Jugendarrestanstalt bemerken das Feuer

Den Notruf hatte in der Brandnacht eine Beamtin der benachbarten Jugendarrestanstalt abgesetzt, nachdem Insassen über Lärm geklagt hatten. Zwei Jugendliche konnten von ihren Zellenfenstern beobachten, dass der Beschuldigte in seiner Wohnung auf Russisch herumschrie und dass ein Feuer ausbrach, aber nicht wie das genau passierte.

Die Anwältin des 49-Jährigen, Katrin Behringer, verlas eine Erklärung, wonach ihr Mandant selbst nicht sagen könne, wie es zum Brand gekommen war. Er habe das Bild einer Zigarette im Kopf. Drei bis vier Tage vor der Brandnacht habe er nicht geschlafen, aber dauerhaft harte Drogen konsumiert. Er habe das Feuer noch löschen wollen und bei diesem Versuch den Schlafzimmerschrank umgerissen, der ausgerechnet vor die Zimmertür gefallen sei, sodass keine andere Fluchtmöglichkeit bestand als über den Balkon. Die Polizei griff ihn dann auf der Straße auf, er mit nacktem Oberkörper und mehreren Schnittwunden auf Brust und Armen, die er sich wohl selbst zugefügt habe. Die Beamten berichteten von wirren Äußerungen des Mannes. Feuerwehrkommandant René Hundert, der den Löscheinsatz leitete, gab an, dass der Wohnungsbrand im ersten Obergeschoss im Begriff war, auf das darüberliegende Stockwerk überzugreifen. Die Situation sei gefährlich gewesen.

Gericht will zweite Arztmeinung einholen

Von einer langjährigen, teils von Abstinenzphasen unterbrochenen Drogenabhängigkeit sprach der medizinische Gutachter Dr. Andreas Friebe. Der Patient leide an Verfolgungsängsten. Er fühle sich von einer Rocker- oder Motorradgang bedroht und überwacht. Er glaube, dass seine Wohnung mit Abhöranlagen ausgestattet sei. Der Arzt attestierte in diesem Zusammenhang ein hohes Aggressionspotenzial des Beschuldigten. Die Dynamik seiner Verfolgungsangst könne sich zwar bessern – besonders, wenn er sich von Drogen fernhält – ganz verschwinden würde das Wahnerleben aber wohl nicht. Dem Gericht war diese Aussage zu vage, was die Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten angeht. Das Gutachten spiegele zudem nur den Stand bis Oktober wider, betonte die Verteidigerin. Denn inzwischen ist ihr Mandant, der selbst eine Drogentherapie wünscht, nicht mehr in Ottenhöfen, sondern in Emmendingen untergebracht. Den dort behandelnden Arzt will das Gericht in einem Folgetermin hören.

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

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Erstellt:
18. Februar 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
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