Wolfgang Mayer: Ein Mensch für Menschen

Baden-Baden (BT) – Wolfgang Mayer hat die Entwicklung des Badischen Tagblatts wesentlich mitgeprägt. In der Region ist er zudem für sein ehrenamtliches Engagement bekannt. Nun ist er 90 geworden.

Eines von 16 Ehrenämtern: Wolfgang Mayer wirkt beim Betreuungsdienst in der Balger Klinik mit. Foto: Marcus Gernsbeck/Archiv

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Eines von 16 Ehrenämtern: Wolfgang Mayer wirkt beim Betreuungsdienst in der Balger Klinik mit. Foto: Marcus Gernsbeck/Archiv

Er wird es wohl handhaben wie immer und einfach fort sein. So jedenfalls war der Plan. Er will schließlich keinen Jubel um seine Person, keinen Trubel um seinen Geburtstag. Viel lieber ist ihm eine eher leise und innige Heiterkeit bei einem feinen Essen mit ein paar besonders geliebten Menschen. Schon die letzten Jahre hat Wolfgang Mayer das so praktiziert und ist an seinem Ehrentag einfach „geflüchtet“. Und weil es sich bewährt hat, wird er es auch am heutigen Mittwoch so halten, auch wenn es weiß Gott kein normaler Geburtstag ist, sondern sein Neunzigster.

Am 18. August 1931 hat Wolfgang Mayer in Konstanz das Licht der Welt erblickt. Der Erste Weltkrieg lag hinter Deutschland, entsprechend unruhig waren die Zeiten – und so wurde es auch eine unruhige Kindheit. In Konstanz und Karlsruhe lebte der junge Wolfgang mit seiner Familie zunächst, später im brandenburgischen Birkenwerder im Dunstkreis Berlins. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er von Anfang „bis zum bitteren Ende“ in Prag, als „ganz schlimme Zeit“ hat er diese Jahre seiner Kindheit abgespeichert. Klassenkameraden sah er bei Straßenkämpfen sterben. Er selbst saß zeitweilig in einer SS-Haftanstalt, in der es nur alle vier Tage etwas zu essen gab. Als die Familie wie damals üblich voneinander getrennt wurde, landete er in einer Kaserne. Wo Vater, Mutter, Schwester und Bruder landeten, wusste er nicht. Er wusste ja noch nichteinmal, ob sie noch lebten.

Gleich nach Kriegsende wurde der 14-Jährige aufs Land geschickt, ins tschechische Lounky. Dort musste Mayer in der Landwirtschaft mithelfen. Es war ein Knochenjob – und doch gefiel er ihm so sehr, dass der Wunsch in ihm aufkam, später selbst Bauer zu werden. „Außerdem“, erinnert er sich, „hatten wir in Lounky immer hervorragendes Essen.“

Abitur statt Landwirtschaft

Mitte 1946 ging es zurück nach Deutschland. In einem dieser aus Filmen bekannten Eisenbahntransporte wurde Mayer zunächst in die Sowjetische Besatzungszone gebracht, wo er weiter nach seiner Familie suchte. Ein halbes Jahr später, Ende 1946, fand diese in Karlsruhe dann wieder zusammen. Für den 15-Jährigen fing ein neues Leben an, eines ohne Krieg. Dafür eines mit jeder Menge Lernen. Der Vater, mittlerweile Regierungsrat, bestand darauf, dass der Filius nicht in die Landwirtschaft geht, sondern Abitur macht. In nur drei Jahren holte Mayer auf, was er all die Zeit zuvor verpasst hatte. „Das war hart“, sagt er im Rückblick. Zeit, um bei der Schülerzeitung mitzuwirken, blieb dennoch.

Es war der erste Kontakt mit dem, was man Zeitungmachen nennt – Mayer fand schnell Gefallen daran. Ganz fremd war ihm die Schreiberei ohnehin nicht, schließlich verfasste sein Vater nebenbei Hörspiel-Kritiken. „Ich bin da mehr und mehr hineingeschlittert“, erinnert sich Mayer. Die Folgen: Im Juli 1951 machte er sein Abitur, im September begann er ein Volontariat beim „Acher- und Bühler Boten“ in Bühl.

Lange bleiben sollte er dort nicht. 1954 holte ihn Otto Helfesrieder, der damalige Verlagsleiter des Badischen Tagblatts, zum BT. Zunächst arbeitete Mayer in der Lokalredaktion Baden-Baden, ab 1965 als Chef vom Dienst. Ab 1978 war er zudem stellvertretender Chefredakteur sowie ab 1989 bis zu seinem Ruhestand 1994 zusammen mit Harald Besinger und Volker-Bodo Zanger Mitglied der Chefredaktion.

Man könnte es sich freilich auch einfacher machen und sagen: Mayer war das BT, zumindest ein großer Teil von ihm. Und wenn man zudem behauptet, dass er mit dem BT verheiratet war, entspricht das sogar im wortwörtlichen Sinn der Wahrheit. 1961 ehelichte der 30-Jährige Hiltrud Helfesrieder, die Tochter des Verlagsleiters, die in der Personalabteilung dieser Zeitung später ebenfalls in leitender Funktion wirkte. Ihr Tod im Jahr 2005, beide waren bereits im Ruhestand, war einer der schwersten Schläge, die Mayer in seinem Leben zu verkraften hatte.

Mehr als 150 Volontäre ausgebildet

Als Redakteur kümmerte sich Mayer um das Ressort „Baden-Württemberg“ sowie bisweilen „Vermischtes“, eher nebenbei produzierte er regelmäßig erscheinende Sonderseiten wie „Recht im Alltag“, „Garten“, die Kinderseite oder „Kirchliches Leben“. Besonders am Herzen lag ihm zudem die Ausbildung der Volontäre. Über 150 hat er im Laufe der Jahre betreut und ihnen das Rüstzeug für den Beruf mit auf den Weg gegeben. „Das war für mich eine Ehre“, sagt Mayer. So wie es eine Ehre ist, einer dieser Volontäre gewesen zu sein und nun diesen Text schreiben zu dürfen.

Geleitet vom christlichen Glauben

Es war ein unglaubliches Pensum, das Mayer für sein Tagblatt abspulte – und wenn es sein musste, war er sich nicht zu fein, nach einem Zwölf-Stunden-Tag noch nach Frankfurt zu fahren, um bei AP aktuelle Fotos abzuholen. „Damals war das normal“, sagt Mayer, dessen Kürzel „wm“ stets für geradlinigen und fairen Journalismus stand. Jede Art von Vetternwirtschaft war ihm fremd. Ganz im Gegenteil: Wenn er sein „Mayer vom Tagblatt“ in den Hörer knurrte, konnte man selbst am Telefon sehen, wie die Person am anderen Ende der Leitung Haltung annahm.

Dabei war und ist sein bisweilen knarzig wirkendes Wesen, das durch seine typische „Stoppelmayerfrisur“ gekrönt wird, immer nur Tarnung für seine Menschenfreundlichkeit. „Es war immer mein Bestreben, etwas Menschlichkeit in den hektischen Alltag zu bringen“, hat Mayer an seinem 80. Geburtstag gesagt. Dieser Tage, zu seinem 90., hat er den Satz wortwörtlich wiederholt.

Mayer war und ist, das steht fest, ein Mensch für Menschen, sein christlicher Glaube leitet ihn. Mit sieben, in Birkenwerder, ist er Messdiener geworden. Mit über 80 hat er in St. Josef in Baden-Baden ein letztes Mal gedient. Wobei es ihm nie um Glaubensrituale ging, sondern stets um den gelebten Glauben, der für ihn Helfen und soziales Engagement immer einschloss. Zeitweise 16 Ehrenämter hatte Mayer inne, in der Rheumaliga war er ebenso engagiert wie im Presseklub oder der Gewerkschaft. Beim ehrenamtlichen Betreuungsdienst der Stadtklinik wirkt er seit 27 Jahren. Bis heute ist er dort, ähnlich wie für den Tafelladen der Caritas am Brahmsplatz, tätig.

Ganz in der Nähe, in der Seniorenresidenz Bären in Lichtental, hat Mayer seinen Altersruhesitz gefunden. In der benachbarten Klosterkirche kann man ihn fast täglich bei einem kleinen Gebet antreffen. An seinem Ehrentag wird man ihn dort allerdings vergebens suchen...

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
18. August 2021, 13:06 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 12sec

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