Wolfssichtung in der Nähe von Bühl?

Karlsruhe/Bühl (uc/vn) – Streift ein Wolf durch die dicht besiedelte Landschaft am Oberrhein? Die Sichtungen häufen sich. Experten geben Tipps für richtiges Verhalten im Falle einer Begegnung.

Eine Wölfin, aufgenommen 2020 mit einer Fotofalle in Sachsen: Menschen sichten die Tiere meist nur aus großer Entfernung, was eine zweifelsfreie Identifikation nicht leicht macht. Foto: Ralf Schreyer/Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie Sachsen/dpa

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Eine Wölfin, aufgenommen 2020 mit einer Fotofalle in Sachsen: Menschen sichten die Tiere meist nur aus großer Entfernung, was eine zweifelsfreie Identifikation nicht leicht macht. Foto: Ralf Schreyer/Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie Sachsen/dpa

Zum ersten Mal wurde ein Wolf im Rheintal in der Nähe von Bühl gesichtet. Martin Hauser, Wildtierbeauftragter des Landkreises Rastatt, bestätigte dies auf Anfrage dieser Zeitung. Gleich mehrere Personen hätten das Tier im Natur- und Landschaftsschutzgebiet Waldhägenich beobachtet. Das Landratsamt leitete diese Beobachtungen an das Wildtierinstitut der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg weiter. „Wir haben die Sichtung als wahrscheinlich eingestuft“, erklärt Hauser. „Sie wurde uns sehr glaubhaft und gut geschildert. Natürlich ist eine solche Wolfssichtung in letzter Konsequenz nicht beweisbar.“ Der Wildtierbeauftragte meint, dass die Beobachtung in Bühl zu den Sichtungen im Kreis Karlsruhe vergangene Woche passt. „Es ist durchaus möglich, dass ein Wolf durch die Rheinebene streift. Die Tiere können in einer Nacht Dutzende Kilometer zurücklegen.“ Über die Herkunft kann Hauser nur spekulieren. Der Wildtierbeauftragte des Landkreises Karlsruhe, Daniel Reinhard, hält es für möglich, dass ein Jungwolf auf der Suche nach einem neuen Revier ist. Neue Erkenntnisse ergeben sich erst , wenn Kotspuren analysiert werden können – oder DNA-Spuren an toten Nutztieren.

Gefahr beim Gassigehen mit dem Hund?

Die dicht besiedelte Oberrheinebene rund um Karlsruhe ist bislang nicht als Wolfserwartungsland in Erscheinung getreten. Doch in diesen Tagen sind gleich mehrere mögliche Sichtungen gemeldet worden. Wie groß ist also die Gefahr, beim abendlichen Joggen im Hardtwald oder beim Gassigehen mit dem Hund einem Wolf zu begegnen? Und wenn das Raubtier dauerhaft zum Problem werden sollte – darf es dann von Berufsjägern erschossen werden?
Zwei Fragen, die in der Debatte um Wölfe immer wieder auftauchen. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des NABU von 2021 finden es 77 Prozent von 2.360 Befragten erfreulich, dass die Tiere hierzulande wieder leben. Zugleich schwingen bei vielen Deutschen Urängste mit, die nicht zuletzt durch Märchenerzählungen in der Kindheit geweckt wurden.

Die FVA setzt auf Fakten. „Aktuell liegen uns aus dem Landkreis Karlsruhe zwei Sichtungsmeldungen ohne Bildbeleg vom 29. April und 3. Mai vor“, bestätigt Hannah Weber vom Wildtierinstitut der FVA. Zudem gibt es eine Meldung mit Bildbeleg vom 30. April. Laut einer Mitteilung des Landratsamtes Karlsruhe stammen die Hinweise aus Bruchsal, Stutensee, Philippsburg und Linkenheim-Hochstetten.

„Die Bildqualität ist jedoch nicht ausreichend, um einen Wolf zu bestätigen, oder sicher auszuschließen“, schränkt Weber ein. Die Sichtungen werden von den Experten deshalb als nicht bestätigte Hinweise eingestuft. Das gilt auch für die mögliche Beobachtung eines Wolfs in der Nähe von Bühl.

Verwechslung kann noch nicht ausgeschlossen werden

„Die Verwechslung mit anderen Tieren oder wolfsähnlichen Hunden kann allein anhand einer mündlichen Beschreibung nicht ausgeschlossen werden“, so Weber. „Liegt ein Foto vor, ist eine ausreichende Qualität Voraussetzung für die weitere Beurteilung.“

Direkte Begegnungen sind nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) in Görlitz sehr selten. Sollte es doch dazu kommen, gelte es, sich so zu verhalten, wie bei allen anderen Wildtieren auch: Ruhig bleiben, Abstand halten – und keinesfalls füttern. Meist dauert die Begegnung nur wenige Sekunden. Wer gerade das Smartphone zur Hand hat, kann ein Foto machen, „allerdings nur, wenn Sie sich dabei dem Tier nicht weiter annähern, um ein besseres Bild zu bekommen, oder es gar verfolgen“, schränken die Experten der DBBW ein. „Wenn Ihnen die Situation nicht geheuer ist, laufen Sie nicht davon, sondern gehen Sie langsam rückwärts und sprechen Sie dabei laut.“

Das Stuttgarter Umweltministerium ergänzt mit Blick auf Hundehalter: „Leinen Sie den Hund an, da er von Wölfen als Eindringling in ihr Revier angesehen werden kann.“

Kontroverse um Aufnahme ins Jagdgesetz

Erst vergangene Woche hat das Umweltministerium den „Managementplan Wolf“ vorgelegt. Mit dem Konzept sollen Tierhalter dazu ermutigt werden, den bestmöglichen Schutz ihrer Tiere gegen Wolfsangriffe umzusetzen – zum Beispiel mit Geld für bessere Schutzzäune und ausgebildete Herdenhunde. Außerdem steht jetzt im Konzept, wann ein Wolf getötet werden darf: Wenn es ihm gelingt, innerhalb von sechs Monaten zwei Mal einen ordentlich aufgestellten Zaun zu überwinden. Während Umwelt verbände mit diesem Kompromiss leben können, fordert die FDP im Land die Aufnahme des Wolfs ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz – mit ganzjähriger Schonzeit. Nur dann sei ein rechtssicherer Abschuss „bei Bedarf“ möglich.

Im Berliner Umweltministerium hält man davon nichts. Laut Bundesnaturschutzgesetz können Wölfe schon heute rechtssicher geschossen werden, Ausnahmen seien klar definiert. Ansonsten gilt: „Der Wolf ist streng geschützt und darf weder verfolgt noch getötet werden.“ Die Fachleute in Berlin warnen vor falschen Hoffnungen: „Eine Bejagung ist grundsätzlich keine Lösung für den Herdenschutz, weil die verbleibenden Wölfe weiterhin ungeschützte Nutztiere angreifen.“ Außerdem würden bestehende Rudelstrukturen zerstört. Zuwandernde Wölfe und elternlose Jungtiere könnten vermehrt schlecht geschützte Nutztiere attackieren – anstatt Rehe oder Wildschweine.

Ihr Autor

Ulrich Coenen und Volker Neuwald

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Erstellt:
10. Mai 2022, 16:18 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 25sec

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