ZG Raiffeisen: „Produkte wie in einem Feinkostladen“

Karlsruhe/Baden-Baden (tas) – Das BT hat mit den Vorständen der ZG Raiffeisen, Lukas Roßhart und Holger Löbbert, über den Trend zu regionalen Lebensmitteln und die Agrarreform gesprochen.

Der Vorstand der ZG Raiffeisen: Lukas Roßhart (links) und Holger Löbbert. Foto: ZG Raiffeisen

© ZG Raiffeisen

Der Vorstand der ZG Raiffeisen: Lukas Roßhart (links) und Holger Löbbert. Foto: ZG Raiffeisen

Die Agrarwende ist in vollem Gange, doch wie kommen die vergleichsweise kleinen bäuerlichen Betriebe im Südwesten damit klar? BT-Redakteur Tobias Symanski hat darüber mit den beiden Vorständen der Karlsruher landwirtschaftlichen Genossenschaft ZG Raiffeisen, Lukas Roßhart und Holger Löbbert gesprochen. Sie sehen die Höfe vergleichsweise gut aufgestellt – auch wenn der Druck auf die Einkommen und der Klimawandel der Branche zu schaffen machen.

BT: Herr Roßhart, Herr Löbbert, die Corona-Pandemie beeinträchtigt das Geschäft vieler Unternehmen deutlich. Wie sieht es bei der ZG Raiffeisen aus?

Lukas Roßhart: In der Summe sind wir bis jetzt sehr gut durch die Krise gekommen. Wir waren von Anfang an ein systemrelevantes Unternehmen und sind sehr dankbar dafür, dass unsere Mitarbeiter mitgezogen haben – der Krankenstand liegt in diesem Jahr auf einem historisch niedrigen Niveau. Auch die Kunden haben sich im ersten Lockdown in unseren Filialen sicher gefühlt. Im Agrargeschäft hat man von Corona ohnehin nichts gespürt, neue Saat musste ausgebracht, die Ernte eingefahren werden. Im Bereich des Energiegeschäftes gab es einen regelrechten Nachfrageboom, da die Ölpreise über das ganze Jahr auf einem historisch niedrigen Niveau lagen. Selbst im Kraftstoffbereich war die Nachfrage nach dem Lockdown wieder da. Viele Menschen sind zwar nicht mit dem Auto zur Arbeit gefahren, dafür haben sie sich im Urlaub aber in ihrer Region beziehungsweise in Deutschland bewegt. Eine gute Entwicklung gab es in den Raiffeisen-Märkten, weil das Wetter gut war und sich die Menschen während der Zeit der Kurzarbeit um ihren Garten kümmern konnten. Eine ähnlich positive Entwicklung gab es in unserem Geschäftsbereich Baustoffe.

BT: Viele Unternehmen fahren derzeit auf Sicht und bleiben bei Investitionen sparsam. Halten auch die Landwirte ihr Geld zusammen?
Holger Löbbert: Das Bild ist heterogen. In der Landtechnik spüren wir in diesem Jahr eine hohe Investitionsbereitschaft, was unter anderem mit der Mehrwertsteuerabsenkung zusammenhängt. Insbesondere bei den Sonderkulturen, beispielsweise im Weinbau, bei Obst und Gemüse, ist der Vermarktungsdruck aber seit Jahren hoch, hier werden Investitionen vielfach geschoben. Zudem wird die Stimmung bei den Landwirten durch die Trockenheit und die daraus resultierenden Ertragseinbußen maßgeblich gedrückt.

 Nebel liegt über einem Hopfenfeld, während am Horizont die Sonne aufgeht. Symbolfoto: Felix Kästle/dpa

© dpa

Nebel liegt über einem Hopfenfeld, während am Horizont die Sonne aufgeht. Symbolfoto: Felix Kästle/dpa

BT: Hinzu kommen die Agrarreform und der ökologische Umbau der Landwirtschaft.
Löbbert: Die Unruhe in der Branche ist natürlich groß. In Baden-Württemberg ist die Richtung bereits seit vergangenem Jahr klar, als es um das Volksbegehren Artenschutz ging. Das daraus resultierende Biodiversitätsstärkungsgesetz ist für die kommenden Jahre die Richtschnur. Die Zielvorgaben für die kommenden zehn Jahre stehen: Ausbau der ökologisierten Landwirtschaft, die Rückführung von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln um 40 bis 50 Prozent. Wie das in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll, das werden Politik und Verbände gemeinsam entwickeln und ausgestalten müssen.

BT: Vielen Betrachtern der heimischen Landwirtschaft geht der Wandel nicht schnell genug voran.
Löbbert: Zusätzliche Auflagen verursachen zusätzliche Kosten – das kann existenzbedrohend für die Betriebe sein. Man muss allen Akteuren gerecht werden. Wenn man eine weitere Ökologisierung der Landwirtschaft wünscht, muss man sich erst einmal vor Augen halten, dass der Südwesten derzeit bei 13 Prozent Ökolandbau steht. Wer die Quote bis zum Jahr 2030 auf 30 bis 40 Prozent ausweiten will, muss sich auch die Frage stellen, ob diese Produktion vom Markt aufgenommen werden kann – unabhängig davon, wie sie politisch gefordert und gefördert wird.

„Bauern bei uns sind oft breiter aufgestellt“

BT: Wie hoch ist die Nachfrage nach Bio derzeit überhaupt?
Löbbert: Da muss man sich die unterschiedlichen Warengruppen anschauen. Bei Milch ist der Markt aktuell auf jeden Fall überhitzt, es gibt mehr Angebot als Nachfrage, die Molkereien können die Biomilch nicht vollständig aufnehmen.

BT: Zum Kundenkreis der ZG Raiffeisen gehören vergleichsweise kleine Betriebe. Haben diese auf mittlere Sicht noch eine Überlebenschance?
Löbbert: Im Vergleich zum Weltmarkt oder anderen Teilen Deutschlands können die Betriebe im Südwesten natürlich nicht auf Größeneffekte setzen, die in der Produktion gewisse Vorteile bringen. Auf der anderen Seite sind die Bauern bei uns oft breiter aufgestellt. In Baden-Württemberg haben einige Betriebe verschiedene Einkommensquellen: Neben Tierhaltung und Ackerbau setzen sie zusätzlich auf Tourismus oder haben noch ein paar Reben. Die kleinen Familienbetriebe haben zudem meist keine externen Personalkosten und müssen keine hohen Pachten bezahlen. Das alles kann für stabilere Strukturen sorgen. Um sich vom Weltmarkt abzukoppeln, muss man auch auf Nischen setzen und seine regionalen Stärken ausspielen.
Roßhart: Wir beobachten, dass die landwirtschaftlichen Betriebe im Südwesten der politischen Entwicklung teilweise sogar vorauslaufen, dass sie flexibler agieren und sich neue Standbeine suchen. Es wird in Zukunft auch Mischformen bei den Höfen geben: beispielsweise 50 von 200 Hektar werden biologisch bewirtschaftet, der Rest konventionell. Je nachdem, wie sich der Biomarkt entwickelt, kann hier nachgesteuert werden. Nichtsdestotrotz ist die Herausforderung für die Betriebe unter den herrschenden Rahmenbedingungen enorm.

BT: Eine Nische im Südwesten ist der Dinkelanbau, der derzeit eine Renaissance erlebt. Können sich Landwirte damit aus dem Druck des Weltmarktes befreien?
Löbbert: Der Südwesten hat bei Dinkel eine gute Position und muss sich nicht in dem Maße mit anderen Ländern messen wie beispielsweise beim Weizen. Wir haben zuletzt 20.000 Tonnen pro Jahr verarbeitet und werden dies weiter ausbauen. In Nordbaden investieren wir deshalb in die Dinkel-Verarbeitung. Mit unserer Investition wollen wir die Wertschöpfung weiter erhöhen und einen geschlossenen Kreislauf erzeugen: Die ZG hat eigene Dinkelsorten, wir können den Landwirten entsprechende Ernteverträge mit einem festen Preis anbieten und den Dinkel selbst verarbeiten. Zur Erläuterung: Im Gegensatz zu anderen Getreidesorten ist bei Dinkel ein weiterer Verarbeitungsschritt erforderlich, um das Korn von der Spelze zu trennen. Das Korn wird an die Mühlenindustrie vermarktet, der Spelz wird pelletiert und kann als Einstreu bei der Tierhaltung eingesetzt werden.

Eine Beregnungsanlage bewässert nach Sonnenuntergang ein Feld. Symbolfoto: Philipp von Ditfurth/dpa

© dpa

Eine Beregnungsanlage bewässert nach Sonnenuntergang ein Feld. Symbolfoto: Philipp von Ditfurth/dpa

BT: Das Thema Klimawandel beschäftigt Deutschland derzeit sehr intensiv. Inwieweit reagieren die Landwirte darauf?
Löbbert: Vor sechs oder sieben Jahren wäre die Antwort noch anders ausgefallen. Eigentlich haben wir in Deutschland gute Böden und gemäßigtes Klima. Nach drei extrem trockenen Sommern hat sich die Situation aber verändert. Wir müssen uns weiter auf Wetterextreme und steigende Durchschnittstemperaturen einstellen. Mit Mais und Sojabohnen, die auch Trockenheit vertragen, liegt der Oberrhein eigentlich gut im Rennen, aber ganz ohne Wasser kommen die Pflanzen nun mal nicht aus. Es geht also um das Thema Bewässerung, hier sind uns die Franzosen ein gutes Stück voraus. Da sollten wir deutlich aufholen. Und bei der Bodenbearbeitung müssen wir darauf achten, die Wasserhaltefähigkeit zu erhöhen. Hier spielen auch Fruchtfolgen eine wichtige Rolle. Unter dem Strich muss es aber wirtschaftlich sein.

BT: Welchen generellen Einfluss hat Corona auf die Landwirtschaft?
Roßhart: Die Pandemie zeigt, dass für vielen Menschen das Thema Nahrungsaufnahme mehr ist als reine Kalorienbeschaffung. Regionalität lag bereits in den vergangenen Jahren im Trend, das hat sich in den letzten Monaten noch verstärkt.
Löbbert: Wohin die Reise in Zukunft gehen wird, ist schwer zu sagen. Vor ein paar Jahren haben wir noch über das Thema „Geiz ist geil“ gesprochen. Sollte sich coronabedingt die Arbeitslosigkeit in den kommenden Jahren deutlich nach oben entwickeln, könnte der Druck auf die Einkommen der derzeitigen Forderung nach besserer Ernährung auch wieder entgegenlaufen.

„Bewegung ist schon Jahrzehnte alt“

BT: Am Ende hängt also alles am Verbraucher?
Löbbert: Es gibt auf jeden Fall eine gewisse Schizophrenie beim Konsumenten. Auf der einen Seite will er eine intakte kleinteilige Landwirtschaft in seinem Umfeld, auf der anderen Seite werden im Einzelhandel dann aber Wein aus Südafrika, Rindfleisch aus Argentinien und Erdbeeren aus Spanien gekauft. Dabei haben wir hier vor der Haustür wunderbare Produkte: Obst, Gemüse und Fleisch – wie in einem „Feinkostladen Baden“.

BT: Warum schaffen es die Erzeuger in Ländern wie Österreich und der Schweiz viel besser, ihre heimischen Produkte für einen ordentlich Preis zu verkaufen?
Roßhart: Die Bewegung für regionale Produkte ist in Österreich schon Jahrzehnte alt. Der Staat hat diese Denkweise früh unterstützt, Werbekampagnen wurden gefahren, Marken entwickelt. In Deutschland sind solche Initiativen vor allem lokal entstanden, es gab aber keine Flächenbewegung. Um dorthin zu gelangen, müssen Verbraucher, Erzeuger und Staat hierzulande stärker zusammenstehen. Da gehört viel Aufklärungsarbeit dazu. Denn die meisten Menschen haben in ihrem Alltag mit landwirtschaftlichen Strukturen nicht mehr viel zu tun. Wir als ZG Raiffeisen können ein Stück weit dazu beitragen, diese Brücken zu bauen. Wir verkaufen in unseren Märkten Produkte, die den gesamten Kreislauf abbilden: vom Saatgut über den Anbau beim Landwirt „nebenan“ bis in die Regale. Und diese Botschaft der Regionalität ist zentraler Bestandteil unserer Kommunikation gegenüber unseren Kunden.

Zum Thema: Lukas Roßhart, Holger Löbbert und die ZG Raiffeisen

Über viele Jahre leitete der Ottersweierer Ewald Glaser als Vorstandsvorsitzender die Geschicke der ZG Raiffeisen, seit Sommer halten Lukas Roßhart und Holger Löbbert gleichberechtigt die Fäden bei der Karlsruher Zentralgenossenschaft in der Hand. Roßhart absolvierte bereits seine Ausbildung bei der ZG Raiffeisen. Der Diplom-Betriebswirt betreute über mehrere Jahre hinweg den Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Marketing, bevor er 2001 die Leitung des Geschäftsbereichs Märkte übernahm. Roßhart ist zudem Präsident der internationalen Einkaufsgesellschaft Intercoop House & Garden Cooperative mit Sitz im schweizerischen Biel und Geschäftsführer der französischen Filialen der ZG Raiffeisen, Trèfle Vert. Dem Vorstand der ZG Raiffeisen gehört er seit Oktober 2016 an.

Eine Fahne der ZG Raiffeisen, aufgenommen am ZG Raiffeisen Markt in Rastatt. Foto: Uli Deck/dpa

© dpa

Eine Fahne der ZG Raiffeisen, aufgenommen am ZG Raiffeisen Markt in Rastatt. Foto: Uli Deck/dpa

Dr. Holger Löbbert studierte Volkswirtschaft in Münster und schloss seine Universitätszeit im Jahr 2006 mit einer Promotion ab. Nach sechsjähriger Tätigkeit in der Unternehmensberatung wechselte er 2013 zum Agrarkonzern Baywa, wo er als Geschäftsführer der Baywa Agrarhandel GmbH in Nienburg/Weser tätig war. Löbbert gehört seit Juli 2019 dem Vorstand der ZG Raiffeisen an.

Die gesamte Unternehmensgruppe erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2019 einen Umsatz von 1,156 Milliarden Euro und beschäftigt knapp 2.000 Mitarbeiter in sieben Geschäftsbereichen. Die ZG erfasst und vermarktet für ihre Mitglieder Getreide, produziert Kraftfutter, verkauft Landmaschinen und -geräte, Treibstoffe, Heizöl, Baustoffe und unterhält in ganz Baden rund 80 eigene Verbrauchermärkte.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.