Zähes Ringen mit Kaugummiresten in Fußgängerzone

Rastatt (dm) – Immer mehr Kaugummireste überziehen die Rastatter Fußgängerzone. Doch was tun? Die Reinigung ist teuer, offenbar wenig effektiv und nicht nachhaltig. Eine kritisch-launige Betrachtung:

Wegwerf- als Ausspuckgesellschaft: Kaugummifleckiges Stück Fußgängerzone in der Rastatter Innenstadt. Die Stelle befindet sich direkt neben einem Mülleimer. Foto: Daniel Melcher

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Wegwerf- als Ausspuckgesellschaft: Kaugummifleckiges Stück Fußgängerzone in der Rastatter Innenstadt. Die Stelle befindet sich direkt neben einem Mülleimer. Foto: Daniel Melcher

Eine Masse aus nicht abbaubarem Kunststoff, Zucker, Aluminiumoxid, Kieselsäure und Cellulose, von Speichel durchtränkt: Nach und nach wird damit die Innenstadt gepflastert. Eklig? Glauben Sie nicht? Schauen Sie beim nächsten Gang durch Post- und Kaiserstraße mal genauer hin. Diese ganzen hell- und dunkel-grauen (und ganz selten auch mal farbigen) Kleckse und Flecken zu Ihren Füßen: Ja, das sind von Menschen durchgekaute und ausgelutschte Kaugummis oder deren Reste. Festgetreten und gegenüber „normaler“ Stadtreinigung resistent. Und es werden immer mehr; scheinbar unaufhaltsam breiten sie sich aus. Hier wird die Wegwerf- zur Ausspuckgesellschaft.

Offensichtlich ist es vielen Zeitgenossen viel zu umständlich, ein Kaugummi aus dem Mund zu nehmen und in den Abfall zu entsorgen (selbst wenn der Mülleimer direkt daneben steht). Die Lippen geschürzt, flutsch, weg damit. Nur: Weg ist das Ding damit ja noch lange nicht. Und da den Kauleisten-Trainierern bislang nicht mal dann die Spucke wegbleibt, wenn sie hören, dass Kaugummis im Prinzip nichts anderes sind als Erdöl mit künstlichen Zusatzstoffen, hat nun also die Allgemeinheit das zähe Thema an der Backe.

„Aus dunklen Flecken wurden helle“

Dass an einer beträchtlichen Kau-Masse – also einer großen Anzahl Kauender – wohlmeinende Appelle nicht gerade haften bleiben, zeigen Blick auf den Boden und in die Vergangenheit. Schon 2002 rückte die Stadt, beziehungsweise eine beauftragte Spezialfirma den damals festklebenden Kaugummiresten mit einer besonderen Reinigungstechnik zu Leibe. Von schätzungsweise 50.000 bis 60.000 Hinterlassenschaften allein in der Fußgängerzone Post- und Kaiserstraße war die Rede, bis zu 40 Kaugummis pro Quadratmeter wurden gezählt. Wasser, Dampf und Fruchtsäure machten ihnen beinahe den Garaus – allerdings nicht, ohne unliebsamen Nachschub verhindern zu können. Drei Jahre später schon wurde eine erneute Häufung solcherlei Spuckmaterials festgestellt.

Und auch die Verschärfung des Verwarnungsgelds von 50 auf 75 Euro fürs Kaugummi-Ausspucken fruchtete wenig. Es ist wie das Brüllen eines zahnlosen Tigers: Wer liegt schon auf der Lauer, um mutmaßliche gemeine Spuckspechte auf frischer Tat zu ertappen und dann auch noch zu schnappen? Eben.

Bleibt also wieder mal nur die Chemiekeule? Die Stadt spricht von „übergroßem Aufwand“, teuer zumal – und mit zweifelhaftem Erfolg. Großflächig passiert daher erst mal nix, nachdem man Ende September 2020 zwischen Rathaus und Supermarkt eine Probereinigung ausführen ließ. Die aber habe ein unbefriedigendes Ergebnis erbracht, wie die städtische Pressestelle nun auf Anfrage des BT mitteilte: „Aus den dunklen Flecken wurden helle.“

„Kein Kavaliersdelikt“

Das Rad dreht sich also weiter: Die Probereinigungsfläche soll nun für ein Jahr „beobachtet und dokumentiert“ werden. Will heißen: Die Technischen Betriebe halten die Entwicklung regelmäßig mit Fotos fest, um wiederum zu überprüfen, wie nachhaltig eine solche Reinigung denn wäre, die immerhin zwischen 26.000 und 33.000 Euro kosten würde. Die Ergebnisse werden dann wiederum dem Arbeitskreis Stadtsauberkeit vorgestellt.

Fest steht derweil: Auch wenn die Mitarbeiter „nach Kräften unterwegs“ sind in Sachen Innenstadt-Sauberkeit – selbst die zwei neuen E-Stadtmüllsauger, die kleine Partikel wie Zigarettenkippen aufnehmen können, „haben gegen die festgeklebten Kaugummis keine Chance“. Eine „Reinigungs-Rundumversorgung zu allen Tag- und Nachtzeiten ist ebenfalls nicht möglich“, so die Verwaltung. Und geplanten Aktionen zum „Mitmachen für ein sauberes Rastatt“ machte zuletzt die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung – Abstands- und Hygieneregeln gehen laut Verwaltung nicht zusammen mit solchen Aktionen.

Es bleiben also: Ärger über das Spuckverhalten, das kein Kavaliersdelikt sei, so Fachbereichsleiterin Brigitte Majer, sondern „flegel- und frevelhaft und ein Ausdruck von Geringschätzung den Mitmenschen gegenüber“ – und Appelle. Und so heißt es aus dem Rathaus (wieder einmal und ein bisschen hilflos): „Wer ein sauberes Rastatt möchte, muss auch selbst etwas dafür tun.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
15. April 2021, 09:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 53sec

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