Zahl der Kriege auf Rekordhoch

Heidelberg (tt) – Heidelberger Wissenschaftler haben das Globale Konfliktbarometer 2020 vorgelegt. Es enthält wenige gute Nachrichten.

 Flüchtlinge aus der äthiopischen Konfliktregion Tigray im Sudan. Der Konflikt in ihrer Heimat wird als Krieg eingestuft. Foto: Marwan Ali/dpa

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Flüchtlinge aus der äthiopischen Konfliktregion Tigray im Sudan. Der Konflikt in ihrer Heimat wird als Krieg eingestuft. Foto: Marwan Ali/dpa

Heidelberg – 2020 war ein Jahr massiver Konflikt-Eskalation, insbesondere in Afrika. Dies ist die Botschaft des am Donnerstag vorgestellten Globalen Konfliktbarometers des Heidelberger Instituts für internationale Konfliktforschung (HIIK). Die Forscher geben ihren Report seit 30 Jahren heraus; Konflikte werden darin in fünf Stufen unterteilt. Stufe fünf bedeutet Krieg, und seit 1991 gab es noch nie so viele davon wie im vergangenen Jahr: 21. Insgesamt hat das Institut im vergangenen Jahr weltweit 359 Konflikte ausgemacht. 139 davon wurden gewaltfrei ausgetragen (Konfliktstufen eins und zwei), bei 220 Konflikten war Gewalt im Spiel. Je nach Gewaltintensität wird ein Konflikt als gewaltsamer Konflikt, begrenzter Krieg oder Krieg kategorisiert.

Positive Entwicklung dreht ins Gegenteil

Noch 2019 hatte sich insgesamt eine leichte Entspannung beim Konfliktgeschehen abgezeichnet, doch diese Entwicklung hat sich komplett ins Gegenteil verkehrt. 21 Kriegen im Jahr 2020 stehen „nur“ 15 im Jahr zuvor gegenüber, 180 gewaltsame Konflikte registrierte das HIIK 2020, im Jahr 2019 waren es 159. Immerhin, die Zahl der begrenzten Kriege sank von 23 auf 19. „In den vergangenen Jahren haben wir einen Trend hin zu nicht-gewaltsamen Konflikten gesehen“, erklärte gestern bei der Vorstellung des Konfliktbarometers Giacomo Köhler, einer der Herausgeber. „Jetzt aber geht der Trend zur Gewalt.“ 2019 habe man 28 Konflikte angesichts von Eskalation höhergestuft, 2020 seien es 68 gewesen. Hat dabei die Corona-Pandemie eine Rolle gespielt? „Es sind keine völlig neuen Konflikte allein durch Covid entstanden“, sagte Co-Herausgeber Maximilian Brien. „Aber Covid hat in vielen Regionen die Konfliktdynamik angetrieben.“ Es habe große Proteste trotz der Pandemie gegeben – das wohl bekannteste Beispiel sind die USA und die „Black Lives Matter“-Bewegung. Hier habe es die größte Protestbewegung der US-Geschichte gegeben, erklärte Brien, mit rund 4.000 Demonstrationen und bis zu 26 Millionen Teilnehmern. Überwiegend friedlich, aber auch mit Plünderungen, Krawallen und gewaltsamen Zusammenstößen einzelner Gruppen. Insgesamt sind die Weltregionen sehr unterschiedlich vom Konfliktgeschehen betroffen. Auf dem kompletten amerikanischen Kontinent zählen die Forscher einen Konflikt als Krieg, nämlich den zwischen Drogenkartellen, bewaffneten Milizen und Sicherheitskräften in brasilianischen Favelas. Afrika südlich der Sahara hingegen ist das globale Konflikt-Zentrum mit insgesamt elf Kriegen und neun begrenzten Kriegen. Brennpunkte sind dabei der Kongo, Äthiopien – der Konflikt in Tigray ist der einzige, der 2019 noch nicht existierte und 2020 als Krieg eingestuft wurde – Mali und die Region um den Tschadsee. Sieben Kriege zählt die Region Nordafrika/Westasien/Afghanistan und ist damit der zweite globale Gewalt-Hotspot.

Ein Krieg in Europa

In Europa gab es im Jahr 2020 einen Krieg: Den Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach mit mehr als 6.000 Toten und mehr als 130.000 Vertriebenen. Als begrenzten Krieg stuft das HIIK den Konflikt im ukrainischen Donbass ein, wobei die Studienautoren hoffnungsvolle Signale sehen. Es gebe ein neues Waffenstillstandsabkommen, gegen das deutlich seltener verstoßen werde. Während die OSZE bei früheren Abkommen bis zu 10.000 Verstöße pro Woche registriert habe, sei die Zahl nun auf etwa 1.000 gesunken, erklärte Europa-Experte Thomas Cranshaw. Weniger optimistisch zeigte er sich über die Lage in Belarus. Der Konflikt um die mutmaßlich gefälschte Präsidentenwahl mit zahlreichen Toten, Massenfestnahmen und Berichten über Folter und Misshandlungen wird als gewaltsamer Konflikt eingestuft – ein baldiges Ende der Gewalt erwartet man nicht.


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