Zahl der Problemtrinker nimmt zu

Rastatt (mak) – Die Fachstelle Sucht Rastatt/Baden-Baden hat im Corona-Jahr unter anderem eine Zunahme der Problemtrinker und krankhafter Glücksspieler registriert. Immer mehr Angehörige suchen Hilfe.

Die Zahl der Alkoholiker im Kreis hat sich kaum verändert, allerdings nimmt die Zahl der Problemtrinker zu, und während des Lockdowns suchten vermehrt Angehörige Hilfe. Foto: Uwe Anspach/dpa

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Die Zahl der Alkoholiker im Kreis hat sich kaum verändert, allerdings nimmt die Zahl der Problemtrinker zu, und während des Lockdowns suchten vermehrt Angehörige Hilfe. Foto: Uwe Anspach/dpa

Die Fachstelle Sucht Rastatt/Baden-Baden des baden-württembergischen Landesverbands für Prävention und Rehabilitation ist ein gefragter Ratgeber – im vergangenen Jahr zunehmend für Angehörige von Suchtkranken, wie Fachstellenleiter Wolfgang Langer bei der Vorstellung des Jahresberichts 2020 erläuterte.

Als Hauptursache für die vermehrte Beratung von Angehörigen sieht er die durch den Lockdown bedingte räumliche Enge, die zu vermehrten Spannungen bis hin zu häuslicher Gewalt geführt habe. „Dieses anhaltende Problem hat viele Angehörige an ihre Grenzen geführt, sie haben Hilflosigkeit und Verzweiflung verspürt“, erläutert Langer beim Pressegespräch. Im vergangenen Jahr sei jeder achte Klient ein Angehöriger gewesen, sechsmal so viele wie 2012.

Im Hinblick auf die Anzahl von Menschen mit Alkoholproblemen sei die Gesamtzahl annähernd konstant gewesen. „Lediglich die Konsumformen haben sich verändert“, so Langer. Die Anzahl der Problemtrinker, die gegen Ängste, Einsamkeit und Depression „angetrunken“ haben, habe zugenommen. Problematisch dabei: „Die Sucht verfestigt in solchen Fällen viel mehr als bei Alkoholexzessen auf Festen. Deswegen gehen wir davon aus, dass die Fallzahlen steigen werden“, prognostiziert er.

Ein weiteres Problem im Vorjahr war der Umstand, dass die Entziehungskliniken weniger Patienten aufnehmen konnten und viele Klienten aus Angst vor einer Ansteckung einen Entzug abgelehnt haben. „Ebenfalls abschreckend war, dass sie wegen Corona im Rahmen einer Entziehungskur 15 Wochen lang keine Angehörigen treffen durften, normalerweise ist das nach vier Wochen erlaubt“, berichtet Martina Rapp, stellvertretende Leiterin der Fachstelle.

Überdurchschnittlicher Frauenanteil

Der Anteil der Alkoholabhängigen reduzierte sich von 51 auf 45,4 Prozent. Etwa zwei Drittel sind männlich, ein Drittel weiblich. „Wir haben im Kreis Rastatt einen überdurchschnittlichen Frauenanteil. Bundesweit beträgt er ein Viertel“, so Langer. Frauen griffen nach Gewalt- und Missbrauchserfahrungen oder bei Depressionen zur Flasche und tränken tendenziell eher allein. Männer nähmen Alkohol zu sich, um sich gegen ihre Umwelt abzuschirmen. „Manche suchen aber auch die Enthemmung, um sich zu artikulieren oder auf Frauen zugehen zu können“, weiß Langer. Männer tränken eher in der Gemeinschaft, sei es im Sportbereich oder im Zusammenhang mit Männlichkeitsritualen.

Im Hinblick auf krankhaftes Glücksspiel und Medienabhängigkeit verzeichnete die Fachstelle eine Zunahme, hier zeige sich „ein gesellschaftlicher Trend“ meinte Langer.

Im Bereich des illegalen Drogenkonsums registrierte die Fachstelle eine Zunahme, vor allem von Heroinkonsumenten. „Chrystal Meth ist im Landkreis Rastatt kein Thema. Die jungen Leute sind sehr gut informiert und wissen, dass sie davon die Finger lassen sollten“, berichtet Langer über seine Gespräche in Schulklassen.

Insgesamt 3.114 Einzelgespräche

Gute Erfolge konnte die Fachstelle Sucht erneut beim Frühinterventionsprogramm „Risiko-Check Drogen“ verbuchen: „Hier kommen junge Leute bis 21 Jahre zu uns, die bei Polizeikontrollen durchfallen“, verdeutlicht Langer. Eine Teilnahme an diesem Kurs könne sich bei Gerichtsverhandlungen strafmildernd auswirken. „Wir sagen den jungen Konsumenten nicht, dass sie aufhören sollen, sondern zeigen ihnen die Konsequenzen und Risiken auf. Mit dieser Methode erreichen wir mehr, als wenn wir Druck aufbauen würden“, berichtet der Fachstellenleiter. Bei einer relativ hohen Quote könne man dadurch eine Verhaltensänderung erreichen.

Bei den Klienten mit Migrationshintergrund stieg der Anteil von 20 auf rund 30 Prozent, allerdings werde diese Zielgruppe nur unterdurchschnittlich erreicht, da sie im Landkreis Rastatt einen Bevölkerungsanteil von 50 Prozent habe, verdeutlicht Wolfgang Langer. „Die Männer haben ein stärkeres Schamgefühl als die Deutschen. Ein Mann muss stark sein, Schwäche gibt man nicht gerne zu, schon gar nicht gegenüber Fremden“, führt der Suchtberater einen wichtigen Grund auf. Abgesehen davon werde man in der eigenen Gruppe ausgegrenzt, wenn diese von der Drogenabhängigkeit erfahre.

Im vergangenen Jahr betreute die Rastatter Fachstelle Sucht 671 Personen, 2019 waren es 728. Die Anzahl der Einzelgespräche erhöhte sich indes von 3.037 auf 3.114.

Ihr Autor

BT-Redakteur Markus Koch

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Erstellt:
1. August 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 52sec

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