Zehn Jahre als Faust und Mephisto in Baden-Baden

Baden-Baden (BNN) – m Theater Baden-Baden geht Goethes „Faust“ ins zehnte Jahr. Die Hauptdarsteller Sebastian Mirow und Mattes Herre erklären, warum sie das Stück immer noch mit Begeisterung spielen.

Eingespieltes Team: Seit September 2012 stehen Mattes Herre (links) als Mephisto und Sebastian Mirow als Faust immer wieder in Goethes Klassiker auf der Bühne des Theaters Baden-Baden. Nun steht die letzte Wiederaufnahme an. Foto: Jochen Klenk

Eingespieltes Team: Seit September 2012 stehen Mattes Herre (links) als Mephisto und Sebastian Mirow als Faust immer wieder in Goethes Klassiker auf der Bühne des Theaters Baden-Baden. Nun steht die letzte Wiederaufnahme an. Foto: Jochen Klenk

Eine solche Wiederaufnahme gibt es nicht häufig: Ab diesem Donnerstag stehen Sebastian Mirow und Mattes Herre am Theater Baden-Baden erneut als Faust und Mephisto auf der Bühne – fast zehn Jahre nach der Premiere im September 2012. Auch Max Ruhbaum, Rosalinde Renn und Constanze Weinig aus der Ur-Besetzung sind wieder mit dabei, während Lilli Lorenz als Gretchen und Simon Mazouri als Valentin später hinzukamen. Vier letzte Termine sind nun angesetzt für Harald Fuhrmanns viel beachtete „Faust I“-Inszenierung. Vor der Wiederaufnahme sprach unser Mitarbeiter Andreas Jüttner mit den beiden Hauptdarstellern über ihre Erfahrungen mit ihren Rollen, der Inszenierung und die Faszination für Goethes Sprache in dem rund 200 Jahre alten Text.

BT: Herr Herre, Herr Mirow, wenn man ein Stück über einen so langen Zeitraum spielt, muss man da für die Wiederaufnahme überhaupt noch über den Text nachdenken?
Mattes Herre: Der Text ist einem in der Tat sehr präsent, habe ich festgestellt. Aber für uns ist es auch sonst ein Geschenk, dass wir uns mit dem Stück immer wieder neu befassen konnten und es in unterschiedlichen Perspektiven erfahren haben, etwa durch die Ergänzung mit „Faust II“ oder die Online-Version „Faust-Werkstatt“. Insofern haben wir das Material wirklich gut durchgekaut. Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, wir fangen jetzt erst richtig damit an.

BT: Inwiefern?
Herre: Die Sprache im „Faust“ ist ja sehr stark in ihrer Ästhetik durch das Versmaß und die Reime. Daraus entsteht ein Rhythmus, der uns als Spieler mitreißt und in dem ich auch jetzt noch immer wieder neue Formen erkenne, die weitere Bedeutungsebenen eröffnen.
Sebastian Mirow: Dieser Text bietet etwas, nach dem wir uns als Schauspieler in unserem Beruf sehnen: Worte, die eine große Vielschichtigkeit haben. Das ist ein enormer Reichtum. Und ich glaube, indem wir auf der Bühne mit dieser alten Sprache in einen wirklichen Dialog kommen, folgt das Publikum unseren Figuren mit einer anderen Aufmerksamkeit als bei einem Stück mit Alltagssprache. Im „Faust“ sind Goethe Dinge gelungen, die über die Jahrhunderte weiterklingen.

Sprache steht im Zentrum

BT: Die Sprache wird in dieser Inszenierung sehr ins Zentrum gestellt. Es gibt nur ein minimalistisches Bühnenbild und Einheitskostüme…
Mirow: Diese Nacktheit der Bühne habe ich von Anfang an als große Bereicherung empfunden, weil man dadurch allein ist mit den Räumen, die diese Sprache eröffnet. Das lässt seelische Räume entstehen, wie ich es als Schauspieler zuvor noch nicht erlebt hatte. Allerdings ist es auch eine Herausforderung, diese inneren Kämpfe darzustellen: Ich bin da jedes Mal nach zehn Minuten nassgeschwitzt.

BT: Indem alle Figuren im gleichen Outfit aus weißem Hemd und schwarzer Hose auftreten, wird die Assoziation nahegelegt, dass es sich um unterschiedliche Aspekte der Persönlichkeit von Faust selber handelt. Welche Rolle spielt denn bei einer solchen Deutung der teuflische Mephisto?
Herre: Er ist die Kraft, die vorantreibt. Aus Mephistos Perspektive ist „Faust I“ so etwas wie ein Trainingsprogramm zur Enthemmung eines Menschen, um diesen später in „Faust II“ die „großen Dinge“ wagen zu lassen. Erst lässt Faust einzelne Menschen über die Klinge springen und irgendwann werden Armeen in Gang gesetzt und die Natur ausgebeutet.
Mirow: Mephisto wird oft als Anstifter zum Bösen interpretiert. Bei uns setzt er die Energien frei, die in jedem Menschen stecken. Er ist so etwas wie ein Coach, ein Berater.

„Fertig wird man mit diesem Stück nie“

BT: Das klingt sehr gegenwärtig. Gibt dieser alte Text das her?
Herre: Wenn zum Beispiel heute Menschen entscheiden, jahrhundertealte Waldstücke zu roden, um Bodenschätze abzubauen, dann gehe ich davon aus, dass es einen Moment gibt, in dem sie sich fragen, ob sie das wirklich verantworten können. Und dieser Entscheidungsmoment ist genau das, was in „Faust“ passiert. Ich finde, dieser Text zeigt seine Großartigkeit darin, dass er sich jeden Tag in jeder Zeit neu offenbart. Vielleicht nicht ganz in der Story, aber in seinen Gedanken.

BT: Entdecken Sie den Text auch beim Spielen noch neu?
Mirow: Ja, denn fertig wird man mit diesem Stück nie. Und je öfter man es spielt, desto weniger strengt es an und desto mehr Spaß haben wir auch.
Herre: Wir haben ja schon mehrfach Gegenspieler dargestellt, etwa Karl und Franz Moor in Schillers „Räuber“ oder Danton und Robespierre in „Dantons Tod“. Über die Jahre haben wir ein großes Vertrauen beim Zusammenspiel entwickelt. Jeder von uns weiß, dass er spontan etwas Spielerisches ausprobieren kann und der andere das aufnimmt und weiterentwickelt.
Mirow: Das ist wie bei Jazz oder bei einem guten Tennispartner: Es geht darum, dass man den Ball gut zurückspielt und der andere ihn einem wiedergibt.

„Am besten beide Stücke im Doppelpack“

BT: Bedauern Sie es, dass die Inszenierung nun bald wirklich abgespielt ist?
Herre: Ich könnte das immer noch weiterspielen, weil dieser Text eine solche Herausforderung ist. Damit wird man nie fertig. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würde ich wahnsinnig gern noch ein paar Mal auch „Faust II“ spielen. Am besten beide Stücke im Doppelpack an einem Tag, wie wir es im Frühjahr 2018 ein paar Mal getan haben. Da kommt man auf ein Energielevel, das einen wie auf einer Welle trägt.
Mirow: Das war tatsächlich unglaublich befriedigend. Wenn man da sechs gemeinsame Theaterstunden hinter sich hat, dann hat man mit den Besuchern etwas erlebt, das einzigartig ist. Wer damals dabei war, redet heute noch davon. Nun hoffen wir eben für die letzten Aufführungen, dass sich Leute ins Theater trauen. Denn wir wollen diesen Abschied von dem Stück gerne mit dem Publikum teilen.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Andreas Jüttner

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Erstellt:
19. Januar 2022, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 05sec

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