Zeit der Transformation: Interview mit Matthias Horx

Baden-Baden (km) – „Krise ist Wandel, ist Transformation“: Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx spricht über die Pandemie und das Erwachen aus einer „Weiter-so-Illusion“.

Stellt sich heute schon den Fragen von morgen: Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher. Foto: Klaus Vyhnalek

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Stellt sich heute schon den Fragen von morgen: Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher. Foto: Klaus Vyhnalek

Das Coronavirus prägt das gesellschaftliche Leben bereits im zweiten Jahr. Nach kleinen Verschnaufpausen spitzt sich die pandemische Lage immer wieder zu. Krisen können lähmen, aber auch zu Fortschritt führen. Doch wie viel Zuversicht ist in der vierten Welle noch vorhanden, wie viel gesellschaftlicher Zusammenhalt noch übrig – und wie könnte ein Blick in die Zukunft aussehen? Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx hat sich mit BT-Redakteurin Kathrin Maurer über Betrachtungstechniken von Krisen, Lösungsansätze und eine bedeutende Zeit der Transformation unterhalten.

BT: Herr Horx, innerhalb der zweiten Welle der Corona-Pandemie äußerten Sie sich noch recht optimistisch, was die Auswirkungen der Pandemie auf unsere Gesellschaft betreffen. Nun befinden wir uns in der vierten Welle – sind Sie noch immer optimistisch?
Matthias Horx: Es geht nicht um Optimismus oder Pessimismus, das sind ja nur Stimmungen, die man haben kann oder nicht. Sondern um die Erkenntnis, dass eine echte Krise unser Leben, unsere Gesellschaft verändert, ohne dass wir immer sofort verstehen, wohin das geht. Es wird ja zunächst in Krisen deutlich, dass wir mit den alten Denkmustern und Handlungsweisen nicht mehr weiterkommen. Ich sehe, dass sich hier schon deutliche Veränderungen abzeichnen. Zum Beispiel im Bereich der Politik. In einem ganz anderen Politik-Stil der neuen Koalition, der nicht mehr polar ist, also im alten ideologischen Links-Rechts-Streit stattfindet. Sondern integrierend, vermittelnd, progressiv eben. Das ist doch erstaunlich, oder? Und das Erstaunliche ist immer ein Wegweiser in die Zukunft.

BT: Die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Reset war groß zu Beginn der Pandemie – man spürte mehr Zusammenhalt, Mitgefühl und ein kollektives Verantwortungsgefühl. Mit der Spaltung in Impfbefürworter und Impfgegner hat sich die Dynamik verändert. Wie sehen Sie diese Entwicklungen?
Horx: Ich glaube, dass diese Erfahrungen nicht verloren sind, auch wenn wir uns immer wieder in eine Art Hysterie treiben lassen. Wir neigen ja dazu, immer nur das Negative zu fixieren. Das, was nicht funktioniert hat. Aber es ist ja auch vieles gelungen. Etwa die schnelle Entwicklung des Impfstoffes. Es gab ungeheuer viel Improvisationsvermögen, auch Zwischenmenschlichkeit in der Krise. Die Gesellschaft ist nicht gespalten, das ist ein gefährliches und irreführendes Bild. Gespalten ist die Gesellschaft vielleicht in den USA, wo ein ideologisch-kultureller Graben in der Mitte verläuft. Hierzulande haben wir es eher mit einer Selbst-ab-Spaltung von Menschen zu tun, die sich in einen Wahn steigern. Das ist eine kleine Minderheit, die sich radikalisiert, und dabei sehr laut und mächtig wirkt. Aber das wird schnell in sich zusammenbrechen, auch weil die Mehrheits-Gesellschaft sich jetzt deutlicher gegen das Bösartige und Gewalthafte wehrt.

BT: Von Beginn an war Ihre Antwort auf die viel gestellte Frage ,Wann Corona endlich enden wird‘ – ,Niemals‘. Was genau drücken Sie damit aus?
Horx: Eine echte Krise ist ja kein „Event“, das einfach kommt und wieder verschwindet. Sondern ein Prozess, in dem wir uns selbst verändern. In einer Liebeskrise wird man danach auch nicht wieder zur alten Routine zurückkehren, sondern eine neue Beziehung erfinden. Oder sich eben trennen. Krise ist Wandel, ist Transformation, und erst wenn wir dies erkennen, kommen wir weiter und aus der Krise heraus.

BT: Im Umgang mit der Pandemie sprechen Sie von den Betrachtungstechniken RE-Gnose und PRO-Gnose. Können Sie diese erläutern?
Horx: Die Re-Gnose ist eine geistige Technik, bei der wir mithilfe einer Zeitreise ein Phänomen sozusagen von der Zukunft her betrachten. Wenn man in einer schwierigen Situation nach vorne blickt, wird man ja von Problemen regelrecht überwältigt. Alles wird zu einem riesigen: Geht nicht! Man neigt dann zum Jammern und Klagen, wodurch man das Problem verschärft. Wenn wir aber „rückwärts“ auf die Lösung blicken, wird plötzlich die Lösung innerlich stärker. Das ist so, wie wenn man sich vor einer schweren Prüfung vorstellt, man hätte diese bestanden und würde danach entspannt an einem warmen Strand liegen. Man erzeugt dabei eine Sich-selbsterfüllende Prophezeiung, die einem hilft, die Angst zu lösen. Und anders, konstruktiver, auf die Welt zu blicken. Dadurch entsteht das, was wir ,innere Zukunft‘ nennen. Oder auch: Zu-Versicht.

BT: Wie steht es denn noch um Zuversicht und Hoffnung? Können Sie den Menschen Lösungsansätze an die Hand geben, um mit dieser Situation umzugehen – eine gewisse Resilienz zu entwickeln und positiv zu bleiben?
Horx: Der erste Schritt ist, sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass das alles nicht sein darf. Das ist der Schritt der Annahme, der Akzeptanz. Was viele Menschen ja so wütend macht, ist, dass sie die Epidemie als eine Art Zumutung empfinden, als Beleidigung, die Ihnen auf keinen Fall passieren darf und die deshalb gar nicht wahr ist. Deshalb werden Verschwörungen ausgedacht, müssen ,die da Oben‘ schuld sein. Hat man die Krise innerlich angenommen, geht es darum, sein Selbstvertrauen zu stärken. Wir sollten uns selbst – und anderen – zutrauen, dass wir Krisen überstehen. Im Vergleich zu den Krisen, die unsere Vorfahren durchleben mussten, ist die Corona-Krise vergleichsweise bewältigbar. Aber eben nur durch menschliche Kooperation.

BT: Meist wird über die Auswirkungen von Corona für Menschen gesprochen, die mit beiden Beinen im Leben stehen oder sich in der Adoleszenzphase befinden. Lassen Sie uns mal die Generation Corona beleuchten, also jene, die während oder nach der Pandemie geboren wurden/werden und somit eine Post-Corona-Welt neu entdecken und gestalten werden. Welche Chancen und Risiken sehen Sie für diese Generation?
Horx: Das ist natürlich schwer abzuschätzen, denn die sind ja noch sehr jung, Babys oder Kleinkinder. Corona hat ja auch dazu geführt, dass man in vielen Familien näher zusammengerückt ist. Kleine Kinder empfinden das normalerweise als Geborgenheit, wenn die Eltern mehr vorhanden sind. Es muss also nicht unbedingt so sein, wie manche Medien es an die Wand malen, dass wir eine traumatisierte Generation erleben werden.

BT: Man kann in einer Krise nur das Negative sehen oder aber den möglichen Fortschritt betrachten. Denken Sie, es ist noch etwas übrig von diesem visionären Elan, gerade auch ökonomisch, oder erschöpft sich dieser, je länger die Krise dauert?
Horx: Man sollte realistisch sein: Solche Krisen sind ökonomisch auch gnadenlose Ausleseprozesse. Firmen, die schon vorher schwach auf den Füssen waren, deren Geschäftsmodell fragil oder Innovationskraft gering war, werden vom Markt verschwinden. Eine solche Bereinigung ist aber auch notwendig. Sie gehört zur Marktwirtschaft, sie ist im eigentlichen Sinne evolutionär, weil sie Platz macht für neue Konzepte.

BT: Die Gefahr einer radikalen Spaltung der Gesellschaft scheint in einer Krise höher zu sein: Auf der einen Seite gibt es zukunftsorientierte Menschen, die nach einer Phase der Anpassung nach vorne blicken können – auf der anderen Seite gibt es einen Anteil, der eher in der Vergangenheit verharrt und sich schwer für Neues öffnen kann. Wie kann die Gesellschaft dieser Spaltung begegnen?
Horx: Auf eine paradoxe Weise entsteht ja in Krisen oft ein neuer Konsens, weil man sich in der Gefahr zusammentut und versteht, was wirklich wichtig ist. Das ist eine Art Selbstorganisation der Gesellschaft, die in Krisen oft eine überraschende Wende bringt. Aus Panik wird dann Entschlossenheit, und die Gesellschaft erfährt sich wieder als eine Gemeinschaft, die sich in der Not neue Ziele setzt. Ich glaube, das passiert gerade, etwa in einer neuen Entschlossenheit, sich von den Corona-Verschwörern nicht auf der Nase rumtanzen zu lassen. Manchmal führt die Not auch zu notwendigen Entscheidungen – das hat meistens auch eine heilende Wirkung, weil es klärt, was eine Gesellschaft für ihre Zukunft braucht.

BT: Geben Sie uns eine kleine Vorschau ins Jahr 2022 – welche Veränderungen stehen uns bevor – und worauf können wir uns womöglich sogar freuen?
Horx: So langsam erwachen wir aus einer Weiter-so-Illusion. Die Jahre vor der Pandemie waren ja die Jahre, in denen die alten Konzepte des ,Immer-mehr-Immer-billiger‘ immerzu weiter gesteigert wurden. Immer-mehr-Tourismus, Immer-mehr-Mode, Immer-billigeres-Fleisch, Immer-billigere-Flüge. Corona hat uns das alles viel deutlicher gemacht, auch weil es diese Mega-Maschine kurzzeitig zum Erliegen brachte. Jetzt spüren wir, dass wir so nicht weitermachen können, und deshalb geht auch der Kampf gegen den Klimawandel in eine neue Phase. Die Zwanzigerjahre werden eine Zeit der Transformation in Richtung einer postfossilen Wirtschaftsweise. Das betrifft praktisch alle Bereiche unseres Lebens – von Fragen der Energie über die Architektur und Mobilität bis hin zu Ernährung, Werten und tief in die Politik hinein.

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Erstellt:
31. Dezember 2021, 16:00 Uhr
Lesedauer:
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