Zeit nehmen, um Kindern vorzulesen

Von Christiane Lenhardt

Baden-Baden (cl) – „Alle Kinder sollen Impulse erfahren, die ihnen den Zugang zum Lesen erleichtern“, wünscht sich die Mainzer Professorin Simone Ehmig anlässlich des Vorlesetages im BT-Interview.

Zeit nehmen, um Kindern vorzulesen

Bücher lesen geht auch mal zwischendurch: Mutter und Tochter gemütlich beim gemeinsamen Schmökern. Foto: Christin Klose/dpa

Die Leiterin der neuen Vorlesestudie der „Stiftung Lesen“ hat mit ihrem Team herausgefunden, dass ein gutes Drittel der Eltern in Deutschland den eigenen Kindern selten oder nie vorliest – diese Zahl sei seit Jahren konstant. Dazu wurden bundesweit 528 Eltern befragt, die maximal einmal pro Woche vorlesen. Warum es so wichtig ist, dass Mama und Papa sich Zeit nehmen, um ihren Kleinen vorzulesen, darüber spricht Simone Ehmig im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt. Beim Vorlesetag am 20. November soll das Thema große Aufmerksamkeit erhalten.

BT: Frau Professor Ehmig, ein gutes Drittel der Eltern in Deutschland liest laut der Studie den eigenen Kindern so gut wie gar nicht vor. Was ist so wichtig am Vorlesen?

Simone Ehmig: Kinder profitieren vom Vorlesen ganz enorm, zum einen für ihre sprachliche Entwicklung, ihren Wortschatz und ihre Ausdrucksfähigkeit. Zum anderen lernen sie viele Dinge kennen, die sie sonst in ihrem eigenen kurzen Leben noch nicht direkt erlebt und gesehen haben können. Sie profitieren auch für ihre Persönlichkeitsentwicklung und für ihre sozialen Kompetenzen. Sie lernen über die Geschichten, über die Figuren viele Handlungsmöglichkeiten und Situationen kennen, lernen, sich in andere hineinzuversetzen.

BT: In der Kita wird den Kindern auch regelmäßig vorgelesen. Warum macht das so einen großen Unterschied, wenn die Eltern vorlesen?

Ehmig: Es ist eine ganz andere Situation, weil die Eltern dann ganz für das Kind da sind. Es ist eine vertraute, ganz nahe Situation in der Familie. Für Kinder ist es toll, wenn Mama oder Papa oder beide sich Zeit nehmen, dazu kommen die Geschichten, von denen Kinder meistens nicht genug kriegen. In der Kita ist die Situation eine andere, weil es mehrere Kinder sind und die Erzieher und Erzieherinnen eine andere Rolle einnehmen als die Eltern. Aber natürlich ist es mit Blick auf die sprachlichen Impulse auch sehr wichtig, und Kinder lieben das Vorlesen auch in der Kita, weil für sie dort die Geschichten im Vordergrund stehen und das gemeinsame Erleben mit den anderen zusammen.

So früh wie möglich anfangen

BT: Sie haben Eltern von Kindern zwischen einem und sechs Jahren befragt. Warum haben Sie diese Altersgruppe ausgewählt?

Ehmig: Es ist das Kernalter, in dem vorgelesen wird. Je früher Eltern damit anfangen, desto besser kann das Vorlesen seine Wirkung entfalten. Das bedeutet, dass auch schon im ersten Jahr sinnvoll erste Schritte zum Vorlesen möglich sind, zum Beispiel im spielerischen Umgang mit einfachen Büchern, beim gemeinsamen Betrachten, beim Beschreiben von Dingen und Geschichten erzählen.

BT: Warum haben Sie die Befragungen gemacht?

Ehmig: Alle Kinder sollen Impulse erfahren, die ihnen den Zugang zum Lesen erleichtern. Deshalb sollte Vorlesen im Alltag aller Familien verankert sein. Mit der Befragung möchten wir Möglichkeiten identifizieren, Eltern zum regelmäßigen Vorlesen zu motivieren und es in den Familien zu ermöglichen. Dabei ist es wichtig, dass Vorlesen schon in der frühen Kindheit beginnt und auch nicht abrupt aufhört, wenn die Kinder in die Schule kommen. Am besten ist es, wenn es allmählich ausläuft, sobald die Kinder lieber selbst lesen.

BT: Die Befragung fiel in die Zeit nach dem ersten coronabedingten Lockdown. Waren die Eltern da nicht doppelt gestresst von Alltag, Beruf und Kinderbetreuung?

Ehmig: Wir haben das in der Befragung aufgegriffen und erhoben, ob und wie häufig die Eltern vor, während und nach dem Lockdown im Frühjahr vorgelesen haben. In der Zeit, in der die Kinder nicht in die Kita konnten, die Spielplätze und Freizeiteinrichtungen geschlossen waren, haben die Eltern tatsächlich häufiger vorgelesen als vorher. Einige sogar jeden Tag. Es gab einfach ganz viel Zeit, die man gemeinsam verbringen musste. Nach dem Lockdown sind die meisten wieder in die früheren Verhaltensmuster zurückgegangen. Zur Zeit unserer Befragung war es draußen warm, und man hat die Möglichkeit genutzt, wieder mehr zu unternehmen und draußen zu spielen.

Nicht nur etwas für die dunkle Jahreszeit

BT: Ist das Vorlesen eher etwas für die dunkle Jahreszeit?

Ehmig: Ich hoffe nicht! Vorlesen sollte Teil des Alltags sein und für die Kinder und die Familie einfach dazugehören. Das kann man jahreszeitlich ganz unterschiedlich gestalten beziehungsweise die Jahreszeiten und ihre Eigenheiten in den Geschichten aufgreifen. Auch für Eltern, die vorlesen, ist die gemeinsame Zeit immer ein Gewinn, weil es gemeinsame Zeit mit den Kindern ist.

BT: Laut Ihrer Studie haben viele Eltern, die nicht vorlesen, ähnliche Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht – ihnen wurde auch nicht vorgelesen.

Ehmig: Ja, das Ergebnis zeigt ein Muster, das man in vielen Studien zu Bildungsfragen sehen kann: dass nämlich die Bildungschancen von Kindern ganz stark davon abhängen, welche Bildungsvoraussetzungen es in den Generationen der Eltern gibt. Eltern, die Vorlesen selbst erfahren haben, werden auch ihren Kindern mit großer Wahrscheinlichkeit vorlesen. Und umgekehrt werden Eltern, denen in ihrer eigenen Kindheit nicht vorgelesen wurde, es mit höherer Wahrscheinlichkeit selbst nicht tun. Und das hat Einfluss darauf, wie gut ihre Kinder später selbst Zugang zum Lesen finden. Das wiederum ist übrigens auch stark davon abhängig, ob es in den Haushalten viel oder wenig Lesemedien gibt.

BT: Wie kann man die Eltern zum Vorlesen bewegen?

Ehmig: Die Studie liefert uns eine Reihe von Anknüpfungspunkten und zeigt uns, wo wir ansetzen müssen. Das ist zum Beispiel die Verfügbarkeit von Vorlesestoff. In den Familien, in denen die Eltern nicht vorlesen, gibt es im Vergleich zum Durchschnitt wenig Kinderbücher. Eine Möglichkeit, das zu ändern, sind Buchgeschenke oder preiswerte Zugänge zu Lesestoff. Überall dort, wo Eltern mit Kindern sind, sollten ihnen Bücher und Geschichten begegnen: im Supermarkt, im Kaufhaus, im Zooshop und natürlich auch digital. Wir haben selbst ein Portal und eine App, „einfachvorlesen.de“, wo wir jede Woche Geschichten kostenlos zur Verfügung stellen.

BT: Wird das Portal viel genutzt?

Ehmig: Ja – und man hat während des ersten Lockdowns auch gesehen, wie die Nutzung noch erheblich gestiegen ist. Wichtig ist, dass wir über solche Wege immer mehr Familien erreichen, in denen das Vorlesen noch nicht zum Alltag gehört.

Bücher müssen spannend sein

BT: Buchgeschenke werden gerne als langweilig eingestuft? Wie kann der Stellenwert des Buchs bei den Kindern erhöht werden?

Ehmig: Ja und nein. Buchgeschenke werden nicht generell gegenüber anderen Alternativen geringer geschätzt, auch nicht von den Kindern selbst. Wichtig ist, dass Bücher spannende Figuren und Inhalte haben. Die Hürde für das Vorlesen liegt nicht bei den Kindern, sondern ganz stark in den Vorstellungen, die Eltern vom Vorlesen haben. Für diejenigen, die es nicht machen, stellt das Vorlesen eine immense Anstrengung dar: Sie denken, dass sie es besonders gut beherrschen müssen, sich viel Zeit dafür nehmen, sich verstellen und schauspielern müssen. Das empfinden sie als unnatürlich. Viele Eltern fühlen sich auch überfordert angesichts fehlender Zeit, weil sie einen anstrengenden Job oder Alltag haben. Viele denken auch, da muss das Kind nur zuhören. Vorlesen bedeutet aber gerade, dass ein Austausch mit dem Kind stattfindet, dass man gemeinsam eine Geschichte entdeckt oder Bilder anschaut.

BT: Wie kann man diese Abwehrhaltung bei den Eltern durchbrechen?

Ehmig: Wir müssen die Vorstellungen der Eltern verändern und die Hürde senken. Wenn wir Vorlesestoff anbieten, muss klar sein: Das kann man mitten im Alltag machen. Wir müssen Geschichten anbieten, die man in fünf Minuten vorlesen kann. Wir wissen, dass die Eltern relativ häufig mit ihren Kindern Videos und Serien schauen. Die Fernsehwelten sind sehr präsent in den Familien und das dürfen sie auch sein. Auch Figuren und Inhalte aus den Fernsehwelten sollten in den Vorlesewelten aufgegriffen werden. Für die Kinder sind sie alte Bekannte, und sie werden mit Spaß auch Geschichten über sie hören.

Buchgeschenke beim Kinderarzt motivieren

BT: Vorlesestudien führen sie seit vielen Jahren durch. Haben die Erhebungen eine Entwicklung zum Positiven bewirkt?

Ehmig: Der Anteil, der Eltern, die nicht vorlesen, liegt seit vielen Jahren relativ stabil bei einem Drittel. Der Wert stagniert, das hat eine gute und eine schlechte Seite, die positive ist: Der Anteil der Eltern, die nicht vorlesen, ist nicht größer geworden. Das sehe ich schon als Erfolg der zunehmenden Beachtung des Themas und der Maßnahmen. Dazu gehört zum Beispiel das Programm Lesestart, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Im Rahmen von Lesestart erhalten Familien Buchgeschenke beim Kinderarzt, wenn ihre Kinder ein und zwei Jahre alt sind. Ein drittes Geschenk bekommen sie zum dritten Geburtstag in der Bibliothek. Dass der Wert stagniert, motiviert uns aber, möglichst viele der Eltern, die nicht vorlesen, zu motivieren und es ihnen zu ermöglichen. Deshalb in diesem Jahr diese Studie.

BT: Trotzdem gibt es derzeit einen Kinderbuch-Boom. Wie geht das zusammen?

Ehmig: Sie haben recht, der Kinderbuchmarkt ist sehr stabil, was Umsatz- und Absatzzahlen angeht. Es gibt sehr viele Titel, die viele Interessen bedienen. Und für viele Familien ist ein Buch ein ideales Geschenk. Anders bei denjenigen, für die Lesen nicht selbstverständlich ist.

BT: Gibt es genug Kinderbücher?

Ehmig: Es geht gar nicht darum, noch mehr Buchtitel in Umlauf zu bringen, sondern Kinderbücher und Geschichten in alle Familien zu bringen. Die Eltern, die wir befragt haben, werden von sich aus wenig tun, um an Vorlesestoff zu kommen. Das heißt, der Lesestoff muss ihnen entgegenkommen: Er muss über die ersten Jahre immer wieder an Kinder verschenkt werden, ob als Buch oder als einzelne Geschichte. Warum nicht mal ein kleines Booklet in der Apotheke oder im Supermarkt an der Kasse zum Mitnehmen, ähnlich den Fußballbildern? Auch müssen wir darüber nachdenken, wie wir das Vorlesen mit anderen Aktivitäten verbinden können, die Eltern mit ihren Kindern im Alltag machen. Hier geht es um neue Produkte und Ansätze.

BT: Eltern, die eine andere Muttersprache haben und oft auch einen Migrationshintergrund, haben es sicher nicht leicht, hierzulande Bücher in ihrer jeweiligen Sprache zu finden.

Ehmig: Unsere Studie zeigt das gerade nicht. Von den Eltern, die eine andere Sprache sprechen, sagte uns nur ein Drittel, dass sie keine Geschichten in ihrer eigenen Sprache haben. Und die Mehrheit weiß nach eigener Einschätzung, wo sie Lesestoff in ihrer eigenen Sprache bekommen können. Es liegt also nicht primär daran, dass nichts zum Vorlesen vorhanden oder verfügbar ist, sondern zum Teil auch an den Vorstellungen davon, wer für Impulse zuständig ist, die mit Bildung zu tun haben. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass viele der befragten Eltern denken, es genüge, wenn ihrem Kind in der Kita vorgelesen wird.

BT: Was kann der Vorlesetag bewirken?

Ehmig: Er bringt das Vorlesen in die Öffentlichkeit und wir zeigen: Jede und jeder kann es überall und mit wenig Aufwand. Wir möchten möglichst viele Menschen dazu bringen vorzulesen. Jedes Kind soll diesen Impuls erhalten, der so wichtig für gute Bildungsvoraussetzungen ist – unabhängig davon, wo die Familien herkommen, welche Sprache sie sprechen und welche Bildung die Eltern haben.