Zeitlos schöne Schadenfreude

Baden-Baden (wyst) – Mit einer Jubiläumsshow feiert die ARD an diesem Samstag (20.15 Uhr) den 40. Geburtstag des TV-Klassikers „Verstehen Sie Spaß?“. Wegen der Coronavirus-Pandemie gibt es in der Liveshow kein Studiopublikum. Cornelia Wystrichowski hat sich mit Moderator Guido Cantz unterhalten.

Seit 2010 moderiert der Comedian Guido Cantz die Streicheshow. Foto: Breiteneicher/SWR/dpa

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Seit 2010 moderiert der Comedian Guido Cantz die Streicheshow. Foto: Breiteneicher/SWR/dpa

BT: Herr Cantz, Sie feiern den 40. Geburtstag von „Verstehen Sie Spaß?“ mit einer großen Liveshow. Auf Studio-Publikum müssen Sie aber wegen der Corona-Krise verzichten.

Guido Cantz: Das Jubiläum zum 40. Geburtstag von „Verstehen Sie Spaß?“ hatten wir uns anders vorgestellt, keine Frage. Corona hat uns da einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht – und natürlich ist einem nicht so recht nach Feiern zumute. Dennoch glaube ich, dass eine Show wie „Verstehen Sie Spaß?“ gerade in Zeiten wie diesen sehr wichtig ist. Wir sorgen für ein paar Stunden gute Unterhaltung, auch wenn leider kein Publikum im Studio dabei sein kann.

BT: Was passiert in der Jubiläumssendung?

Cantz: Wir haben Gäste wie Paola Felix und Karl Dall, frühere Moderatoren wie Dieter Hallervorden, Frank Elstner und Cherno Jobatey – Harald Schmidt leider nicht. Wir haben Protagonisten aus früheren Filmen, Prominente wie Jan Josef Liefers oder Axel Prahl, aber auch nicht prominente Gäste. Aufgrund der aktuellen Corona-Situation werden sie per Video live zugeschaltet. Wir zeigen die zehn besten Filme aus den letzten 40 Jahren, über die die Zuschauer per Live-Voting abstimmen und ihren besten „Verstehen Sie Spaß?“-Film aller Zeiten wählen können.

BT: Warum sind alle anderen Samstagabend-Showklassiker tot, nur die Streichesendung „Verstehen Sie Spaß?“ nicht?

Cantz: Weil Schadenfreude einfach zeitlos schön ist. Das Genre Versteckte Kamera wird die Leute auch in 50 Jahren noch begeistern. Ich selber habe die Sendung schon als Kind geliebt, ich durfte sie zusammen mit meinem Bruder schauen, im Schlafanzug samstags nach dem Baden. Umso schöner war es für mich, als ich 2009 die Nachricht bekam, dass ich der neue Moderator werden darf.

Sehr erfolgreich auf Youtube unterwegs

BT: Aber gräbt das Internetzeitalter dem Format nicht das Wasser ab? Auf Youtube kann man Filmstreiche ohne Ende schauen.

Cantz: Es ist genau andersrum, dieser Trend ist unserer Sendung sehr zuträglich. Die Kids schauen sich Streiche gerne an, sonst wäre „Verstehen Sie Spaß?“ auch nicht so erfolgreich im Netz. Wir sind in Deutschland der erfolgreichste Youtube-Kanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit aktuell rund 882 Millionen Aufrufen und über 1,1 Millionen Abonnenten. Wir produzieren sogar Filme ausschließlich für unseren Youtube-Kanal, denn wir kämen allein mit den Filmen aus der TV-Show gar nicht nach. Und diese Fangemeinde schaltet dann auch wieder die Fernsehsendung ein, das ist für uns ein großes Glück.

BT: Was hat sich geändert seit den Anfängen von „Verstehen Sie Spaß?“, das 1980 von Kurt Felix erfunden und mehrere Jahre lang auch moderiert wurde?

Cantz: Es ist viel aufwendiger geworden als noch in den 80er Jahren, und auch deutlich teurer. Kurt Felix hat die Klassiker damals mit einer einzigen Kamera gedreht, mit nur einer Einstellung – das ist heute undenkbar. Wir hatten zuletzt in den Filmen, die wir mit Prominenten gedreht haben, 24 Kameras im Einsatz – große, kleine oder auch Miniaturkameras in Knopflöchern oder Brillen.

„Müssen einen Kompromiss finden“

BT: Müssen die Streiche heute härter, provokanter sein als zu Zeiten von Paola und Kurt Felix?

Cantz: Wir sind eine Familiensendung, und mit härter tue ich mich persönlich schwer. Natürlich sagen 18-Jährige eher mal: „Ihr könnt da ruhig noch eine Schippe drauf legen“, aber meiner Mutter, die bald 78 wird, wäre das dann zu heftig. Wir müssen einen Kompromiss finden. Denn wir wollen natürlich auch den Kids was bieten, weil wir von ganz vielen jungen Leuten zwischen zehn und 20 geguckt werden.

BT: Ihr eigener Sohn ist neun Jahre alt. Wie findet er es, dass sein Vater der Spaßvogel der Nation ist?

Cantz: Mein Sohn hat mich neulich gefragt: „Papa, fändest du es schlimm, wenn ich auch so was machen würde wie du?“ Das fand ich süß. Ich habe ihm gesagt, dass ich an seiner Stelle erst mal die Schule und eine Ausbildung machen würde, und wenn er dann vor die Kamera will oder auf einer Bühne stehen möchte, kann er das gerne tun.

Political Correctness „ein ganz wichtiges Thema“

BT: Wir leben in aufgeregten Zeiten, Themen wie etwa die MeToo-Debatte haben viele Menschen sensibilisiert. Gibt es beim Humor heute engere Grenzen als früher?

Cantz: Das Thema Political Correctness ist für uns ein ganz wichtiges. Schlussendlich bedeutet Humor zwar immer, dass irgendjemand eine Torte ins Gesicht bekommt, und ob das ein Mann oder eine Frau ist, Kinder oder ältere Leute, das ist egal, dann wird gelacht. Und wenn man das nicht mehr darf, kann man das Thema Humor ad acta legen. Trotzdem: Einige Sachen, die man in den 80er, 90er Jahren gemacht hat, sind heute nicht mehr opportun, die macht man heute nicht mehr.

BT: Welchen Sketch könnte man heute nicht mehr senden?

Cantz: Mir fällt da gerade ein Beispiel ein, das, glaube ich, noch in der Ära von Kurt Felix gedreht wurde. Da stand eine Dame oben ohne in einer Dusche, die in einem Fahrstuhl eingebaut war, und dann ging die Fahrstuhltür auf. Das würden wir heute nicht mehr so machen, das wäre zu heikel.

BT: Sie legen normale Passanten rein, aber auch Prominente. Gab es mal einen Star, der keinen Spaß verstanden hat?

Cantz: In der Zeit von Kurt Felix hat Götz George mal nicht zugestimmt, dass der Film gezeigt wird, in dem er reingelegt wurde, deshalb wanderte der ins Archiv und wurde nie gesendet.

Jogi Löw oder Angela Merkel auf der Wunschliste

BT: Wen würden Sie gerne mal reinlegen?

Cantz: Bundestrainer Jogi Löw oder Bundeskanzlerin Angela Merkel. Politiker reinzulegen ist ein schwieriges Thema. Viele Zuschauer würden sicherlich gerne sehen, wie Christian Lindner, Robert Habeck oder Norbert Walter-Borjans vor einer versteckten Kamera reagieren. Aber vielleicht würde mancher fragen, warum jemand von der Partei X genommen wird und nicht von der anderen, ob das nicht unfair ist.

BT: Joko und Klaas wurde neulich vorgeworfen, in ihren Streicheshows mit Fakes zu arbeiten. Geht bei „Verstehen Sie Spaß?“ alles mit rechten Dingen zu?

Cantz: Auf jeden Fall. Ich behaupte auch, dass man es bei jedem Menschen merkt, wenn er anfängt zu schauspielern. Ich weiß, oft ist es kaum zu glauben, was die Leute alles mit sich machen lassen, wenn sie zum Beispiel an einer Supermarktkasse nicht drankommen oder ein Auto auf einem Feldweg verschwindet. Aber ich bin selber schon zweimal reingelegt worden. Wenn das gut gemacht ist, kann man jeden reinlegen.

BT: Suchen Sie inzwischen bei jeder merkwürdigen Alltagssituation nach der versteckten Kamera, die Sie filmt?

Cantz: Das ist schon ein Running Gag bei uns. Wenn ich mit anderen Leuten am Bahnsteig stehe und der Zug kommt zu spät, heißt es immer gleich: Wo steht denn hier die Kamera? Bestimmt startet mein Team bald wieder einen Versuch, aber das ist okay. Wer sich als Moderator über andere Leute lustig macht, muss auch einstecken können.

Zur Person: Guido Cantz kam 1971 in Köln zur Welt und studierte zunächst BWL. Seine ersten Bühnenauftritte hatte er beim Kölner Karneval, wo die rheinische Frohnatur bis heute regelmäßig mitmischt, im Fernsehen fasste er zunächst mit Gastauftritten als Comedian Fuß. Neben „Verstehen Sie Spaß?“ präsentiert Cantz regelmäßig auch andere Unterhaltungsshows und tourt als Solo-Entertainer durch Deutschland. Der 48-Jährige ist verheiratet und hat einen Sohn, die Familie lebt in Köln.


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