Zeitungsdruckpapier wird zum knappen Gut

Karlsruhe/Baden-Baden (tas) – Extreme Preissteigerungen bei grafischen Papieren bereiten den Verlagen Sorgen. Für die gestiegenen Energiekosten verlangen die Hersteller spürbare Aufschläge.

Der Zeitungsdruck wird immer teurer: Der Preis des dafür notwendigen Papiers hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt bis verdreifacht.Foto: Marijan Murat/dpa

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Der Zeitungsdruck wird immer teurer: Der Preis des dafür notwendigen Papiers hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt bis verdreifacht.Foto: Marijan Murat/dpa

Dass es bei Papier oder Aluminium auf einmal eng werden könnte, daran hat Matthias Köhler vor einigen Monaten noch keinen Gedanken verschwendet. Der Leiter der Produktionskoordination bei den „Badischen Neuesten Nachrichten“ wird seit einiger Zeit mit einer völlig veränderten Welt konfrontiert. „Bei vertraglich zugesicherten Mengen und Preisen will ein Lieferant auf einmal Energie-Aufschläge, die Kontrakte gelten nicht mehr für ein Jahr, sondern nur noch für ein Quartal.“

Die neuen Konditionen haben es in sich. Bei Rollenzeitungspapier steht auf einmal fast eine Verdreifachung des Preises im Raum – innerhalb eines Jahres. Und auch bei den Druckplatten aus Aluminium muss sich Köhler mit einem saftigen Aufschlag abfinden. Die jüngsten Preisexplosionen bei den für Druckereien so wichtigen Vorprodukten sind vor allem Folge des Ukraine-Krieges. Der extrem hohe Energieeinsatz in den Papierfabriken schlägt voll auf jede Rolle des Endproduktes durch.

Laut Umweltbundesamt zählt die Papierindustrie zu den fünf energieintensivsten Branchen in Deutschland. Bei der Produktion wird jede Menge Wärme und Strom gebraucht, oftmals werden sie über die Verfeuerung von Erdgas erzeugt. Einige Papierfabriken sind jedoch auch an Müllverbrennungsanlagen angeschlossen, andere haben in den vergangenen Jahren vor allem in die regenerative Energieerzeugung investiert.

Auch der Spezialpapierhersteller Koehler in Oberkirch, zu dem der Bierdeckelproduzent Katz in Weisenbach gehört, wird diesen Weg gehen. Zur aktuellen vom Ukraine-Krieg beeinflussten Preisentwicklung auf dem Energiemarkt und beim Endprodukt Papier will sich das Unternehmen auf Anfrage dieser Zeitung im Moment nicht äußern. Klar ist aber, dass Koehler derzeit intensiv an seinem Energiemix arbeitet: Das eigene 1986 in Oberkirch errichtete Kraftwerk soll bis Ende 2024 auf Biomasse umgestellt werden. Statt Steinkohle werden dort dann Hackschnitzel, Grünschnitt und Sägerestholz aus der Region verfeuert.

Kurz- und mittelfristig werden solche meist lang andauernden Investitionsvorhaben der Papierindustrie den Markt aber nicht beruhigen. Denn Hersteller mit vergleichsweise großem Gasverbrauch kommen so schnell aus ihrer Abhängigkeit nicht raus. Der Europäische Wirtschaftsdienst (Euwid) in Gernsbach berichtet hier auch von hausgemachten Problemen. Branchenkenner berichteten, dass viele Papierfabriken in der Energiebeschaffung mitunter auf kurzfristige Kontraktgeschäfte mit Strom und Erdgas gesetzt haben. „Das führen Experten auf den seit Jahren bestehenden Kostendruck zurück. Dieser verleite die Papierhersteller zu kurzfristigen Deals“, schreiben die Experten aus Gernsbach. Die Ausgangslage bei der Energiebeschaffung in Deutschland sei jedoch von Standort zu Standort teils „dramatisch unterschiedlich“.

„UnverbindlicheLiefertermine“


Christian Eggert befasst sich innerhalb einer Arbeitsgruppe beim Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) mit dem Thema und zeichnet ein Bild aus der Verlagsbranche. Er spricht von einer Verdoppelung des Preises von Zeitungsdruckpapier innerhalb eines Jahres – mindestens. „Diejenigen Papierfabriken, die sich nicht gegen die kurzfristigen Preissteigerungen auf dem Energiemarkt abgesichert haben, sind jetzt die ersten, die sagen: ‚Die Produktion wird unrentabel‘“. Es sei jedoch schwer abzuschätzen, ob die Forderungen nach höheren Preisen eine Drohgebärde der Papierindustrie oder das Ausnutzen einer schwierigen Lage sei, um bessere Konditionen am Markt durchzusetzen.

Dass die Papierversorgung aufgrund der Kostensituation tatsächlich gestört ist, beweist zumindest eine Aktion des norwegischen Anbieters Norske Skog. In der vergangenen Woche hatte der Konzern die Produktion von Zeitungsdruckpapier in seinem österreichischen Werk in Brug an der Mur gestoppt. In lokalen Medien begründete ein Unternehmenssprecher dies mit einer Verzehnfachung des Gaspreises im Vergleich zum langjährigen Durchschnittswert – eine wirtschaftliche Produktion sei nicht mehr möglich. Erst Anfang April sollen die Maschinen wieder anlaufen.

Aufgrund solcher Szenarien sind die Verlage besorgt. Bereits im Herbst vergangenen Jahres gingen dem Mindener Tageblatt die Rollen aus, die Zeitung musste mit reduziertem Umfang an die Abonnenten ausgefahren werden. „Die Lieferanten haben ihre Zusagen zurückgezogen, der Markt ist leer gefegt“, hieß es damals aus dem Verlag Bruns. Damals mangelte es am für das Zeitungspapier wichtigen Vorprodukt Altpapier, das aufgrund der Corona-Krise extrem knapp wurde, jetzt könnten es die hohen Energiepreise sein.

Eine aktuelle Branchenumfrage des Bundesverbandes Druck und Medien (BVDM) zeigt die Besorgnis der Papiereinkäufer. Der Verband spricht von einer „bislang ungekannten Papierknappheit, unvorhersehbaren Preisentwicklungen, unverbindlichen Lieferterminen und langen Lieferfristen“. 80 Prozent der Druck- und Medienunternehmen gaben in der Umfrage an, deutlich von der Situation auf den Papiermärkten beeinträchtigt zu sein, 21 Prozent bewerten die aktuelle Lage sogar als existenzgefährdend. 72 Prozent haben aufgrund der aktuellen Situation auch im Jahr 2022 Aufträge nicht annehmen können oder verloren, und 70 Prozent erwarten eine dauerhafte Umsatzreduzierung durch die Abwanderung von Printaufträgen in digitale Alternativen.

Die jüngste Preisexplosion bei Druckpapier zeigt eine Fortschreibung des Trends aus dem vergangenen Jahr. Der BVDM berichtet von Papierpreissteigerungen von zum Teil mehr als 50 Prozent. Die Weitergabe der Preise gelinge rund 60 Prozent der Unternehmen bei mehr als der Hälfte ihrer Kunden – allerdings lediglich mit einer Kostendeckung von rund 60 Prozent. „Bei ohnehin oft knappen Margen dürfte es vielen Betrieben schwerfallen, diese Lücke zu verkraften“, lautet das Fazit.

„Wir hoffen, dass es nie so weit kommt“


Wie geht es in Sachen Papierpreis weiter? Brancheninsider berichten laut dem Gernsbacher Informationsdienst Euwid, dass keine Entspannung in Sicht ist. Dazu trägt auch der langfristige Strukturwandel in der Branche seinen Teil bei. Die Digitalisierung sorgt seit Jahren für Kapazitätsreduzierungen im Markt für grafische Papiere.

Führende Hersteller wie der schwedisch-finnische Stora-Enso-Konzern passen ihre Fertigungen an und verabschieden sich immer weiter aus der Herstellung von Zeitungsdruckpapier. So verkaufte Stora Enso im vergangenen Jahr beispielsweise sein Werk im sächsischen Eilenburg an die schweizerische Model-Gruppe.

280.000 Tonnen Papier für Zeitungen, Zeitungsbeilagen und Telefonbücher wird in Eilenburg pro Jahr hergestellt. Doch das Ende dieser Fertigung wurde durch den Verkauf von Stora Enso bereits eingeläutet. Die Model Holding produziert das Druckpapier nur noch für eine Übergangszeit weiter und wird das Werk dann auf Wellpappenrohpapier mit einer Kapazität von 600.000 Tonnen umstellen, ein Geschäft, das nicht erst seit der Corona-Pandemie brummt.

Denn der boomende Online-Markt hat auch die Nachfrage nach Pappe und Kartonagen rapide ansteigen lassen. Christian Eggert: „Von Zeitungsdruckpapier auf Verpackungspapier umgestellte Maschinen kommen auch nicht wieder zurück. Die Kapazitäten im Druckpapiermarkt werden also weiter abnehmen.“

Auch im schwedischen Hylte hatte Stora Enso die Herstellung von Zeitungspapier im Jahr 2020 heruntergefahren und dafür eine Maschine außer Dienst gesetzt. Das Unternehmen investiert an dem Standort stattdessen lieber in die Produktion von Formfaserschalen aus Zellstoff, die beispielsweise bei Lebensmittelverpackungen zum Einsatz kommen. Der Trend weg von der Produktion grafischer Papiere hin zu Verpackungspapieren werde anhalten, heißt es bei Euwid. „Wir können keine Entwarnung geben.“

Und über der Branche hängt noch ein weiteres Damoklesschwert. Sollte aufgrund von Sanktionen die EU den Import von russischem Gas in die Union vollständig einstellen oder gar Russland den Gashahn selbst abdrehen, wäre die Industrie bei einem drohenden Versorgungsmangel mit im Boot. Ein entsprechender Notfallplan der Bundesregierung existiert bereits, er hält Privatkunden und versorgungsrelevante Branchen erst einmal am Netz.

Im schlimmsten Fall könnte der Ofen bei den Papierwerken in Deutschland aber ausgehen. „Wir hoffen, dass es nie so weit kommt“, sagt Gregor Andreas, Sprecher des deutschen Branchenverbandes Die Papierindustrie. „Wenn wir anfangen, die Wertschöpfungsketten zu unterbrechen, kommt keiner mehr auf die Beine.“

In eigener Sache

Die explodierenden Energiekosten sowie die stark steigenden Papier- und Rohstoffpreise gehen auch am Badischen Tagblatt nicht spurlos vorüber. In zahlreichen Krisensitzungen in den vergangenen Tagen diskutierten die Verlags-Verantwortlichen über Einsparpotenziale und mittelfristige Strategieänderungen. Das Ziel von Verleger Klaus Michael Baur: Beim Angebot für die Abonnenten soll es so wenig Abstriche wie nur möglich geben. So sind von einer Reduzierung des Seitenumfangs zunächst nur die kostenlosen Wochenjournale „Wo“ und „Wo zum Sonntag“ betroffen.

Das Badische Tagblatt will weiterhin ein umfassendes Informationsmedium bleiben und gerade in Krisenzeiten seinen Leserinnen und Lesern wichtige Fakten und Hintergründe zur Einordnung der politischen Verhältnisse vermitteln, erklärt Baur. „Auch die hohen Energie-, Papier- und Rohstoffpreise werden das Badische Tagblatt nicht zu Abstrichen in der journalistischen Arbeit zwingen.“ Allenfalls in der Blattstruktur des Anzeigen und Eigenanzeigenanteils kann es zu Veränderungen kommen.

Die Pandemie erschwert darüber hinaus das Zeitungsgeschäft. Von erhöhten Krankmeldungen betroffen ist unter anderem der Zustellerbereich. Zustellerinnen und Zusteller müssen vermehrt durch Aushilfskräfte ersetzt werden. Dadurch kann es in einigen Zustellbezirken zu leichten Verzögerungen bei der Auslieferung kommen. Im Ehrgeiz des Verlags wird es weiterhin liegen, pünktlich morgens die Zeitung zuzuliefern.


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