Zoodirektor weist Kritik von Peta ab

Karlsruhe (eki) – Nach dem Tod von Eisbär Blizzard: Zoodirektor Matthias Reinschmidt sieht Haltung als „absolut zeitgemäß“ an. Die Nachzucht wurde bereits 2000 durch das Drama von Nürnberg gestoppt.

Von Hamburg nach Karlsruhe: Blizzard ist im Tausch gegen den Eisbären Kap in die Fächerstadt gekommen. Foto: Tierpark Hagenbeck/Götz Be

© Foto: Tierpark Hagenbeck/Götz Be

Von Hamburg nach Karlsruhe: Blizzard ist im Tausch gegen den Eisbären Kap in die Fächerstadt gekommen. Foto: Tierpark Hagenbeck/Götz Be

Von einem Ausnahmezustand zu sprechen, ist im Falle des Karlsruher Zoos in dieser Woche nicht übertrieben. Erst muss der Tiergarten nach mehreren Vogelgrippe-Fällen schließen, dann folgt mit dem Tod von Eisbär Blizzard der nächste Schicksalsschlag. Ob die verbleibende Polarbärin Charlotte bald Gesellschaft erhält und wie es mit der Eisbärenhaltung generell weitergehe, sei aktuell „kein Thema“, teilt Zoodirektor Matthias Reinschmidt auf Anfrage mit.
Wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt sei, werde man sich aber mit der Koordinatorin des internationalen Zuchtbuchs über die Zukunft der Eisbärenhaltung in Karlsruhe austauschen.

Prinzipiell sieht Zoodirektor Reinschmidt Neuzugänge als eine Bereicherung für den Zoo. „Die Haltung von Eisbären ist absolut zeitgemäß“, sagt der Zoochef und kontert damit auch Vorwürfe der Tierrechtsorganisation Peta. Polarbären seien schließlich „wichtige Klimabotschafter“ und könnten durch das koordinierte Zuchtprogramm in Zoos gehalten werden. Ob die Eisbärenanlage den hohen Anforderungen für die Wiederaufnahme ins Zuchtprogramm genügt, ist allerdings nicht sicher. Bereits vor zwei Jahren verweist Reinschmidt im Gespräch mit dieser Zeitung auf dringend notwendige „bauliche Verbesserungen“ für den Wiedereinstieg ins Zuchtprogramm. „Der Zoo Karlsruhe war in den vergangenen Jahren aber nur für die Haltung von Polarbären vorgesehen“, betont Reinschmidt. Da Charlotte und Blizzard, die im Frühjahr 2020 nach Karlsruhe kamen, nicht zur Zucht geeignet waren, habe sich die Zuchtfrage nicht mehr gestellt.

Drama von Nürnberg beendet Eisbärenzucht

Vor 22 Jahren hört sich das noch anders an. Da ist der neugestaltete „Lebensraum Wasser“ ein Versprechen in die Zukunft. Neun Millionen D-Mark hat der Karlsruher Gemeinderat nach langen Diskussionen alleine in den Bau einer modernen Anlage für Eisbären investiert und dabei auch die Zucht der weißen Polarbewohner im Blick.

Für die Umbauarbeiten werden Eisbär Yukon und die vier Weibchen Silke, Nadin, Efgenia und Tatjana in den Nürnberger Zoo ausgelagert – zurück nach Karlsruhe kommt allerdings keiner mehr.

Bärin Tatjana erliegt im Fränkischen einem Krebsleiden. Bulle Yukon und seine drei verbleibenden Begleiterinnen müssen in den Abendstunden des 29. März 2000 erschossen werden. Nachdem ein psychisch kranker Mann die Schlösser des Nürnberger Geheges aufbricht, büxen die Karlsruher Petze aus. Weil Narkose-Pfeile das dichte Winterfell der Tiere, die in der Dämmerung frei durch die Anlage streifen, nicht durchdringen können, ordnet die Nürnberger Zooleitung den Einsatz von scharfer Munition an. „Betäubungspfeile konnten die Eisbären nicht stoppen“, schreibt diese Zeitung zwei Tage nach der Tragödie.

Die Karlsruher Zooführung spricht die Nürnberger Kollegen bereits zu diesem Zeitpunkt von jeglicher Schuld am Tod des Quartetts frei. Vier Monate später kommt auch die Staatsanwaltschaft Nürnberg zu der Einschätzung, dass die Tötung der Bären „gerechtfertigt“ war. Damit wird auch eine Anzeige von Karlsruher Tierschützern abgewiesen.

Mit dem Drama von Nürnberg endet auch die langjährige Geschichte einer erfolgreichen Eisbärenzucht in Karlsruhe. Der Eisbär ist das Wappentier des Zoos und in den 1970er Jahren tummeln sich bis zu elf Polarbewohner in der Betonanlage. Insgesamt 25 Eisbären erblicken zwischen 1970 und 1991 in Karlsruhe das Licht der Welt. Vater ist meist Eisbär Willi, der regelmäßig für die kontrollierte Nachzucht von Berlin ins Badische gebracht wird. Eines von Willis prominenten Kindern ist Anton, der von Hand aufgezogen wird und dessen rührende Geschichte von der Karlsruher Journalistin Doris Lott im Jahr 1997 im Kinderbuch „Anton der Eisbär“ verewigt wird.

Doch auch mit Eisbär Anton, der 1990 in die Stuttgarter Wilhelma zieht, nimmt es ein tragisches Ende. Am 10. Februar 2014 stirbt der Bär an schweren Darmverletzungen. Wenige Tage zuvor hat Anton eine Jacke und ein Plüschtier verschluckt. Rettungsversuche mit Abführmitteln bleiben erfolglos. In die Karlsruher Anlage kehrt nach dem Drama von Nürnberg bereits 2001 mit den drei jungen Eisbären Kap, Vitus und Nika wieder junges und frisches Leben an den Lauterberg zurück. Doch die Hoffnungen, mit Nika und Vitus wieder in die Zucht einzusteigen, werden spätestens im Jahr 2016 durch die attestierte Zeugungsunfähigkeit des Eisbärbullen jäh beendet.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Ekart Kinkel

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Erstellt:
8. Februar 2022, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 13sec

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