Zu Fuß in Richtung Herzgesundheit

Baden-Baden (for) – Die gebürtige Kartungerin Marzia Eickmann hat 2015 bei einer Dienstreise einen Herzinfarkt erlitten – ohne dabei körperliche Schmerzen zu verspüren.

Der Ort, der alles verändert hat: Rund 18 Monate nach ihrem Herzinfarkt trifft sich Marzia Eickmann (links) 2017 mit ihrer Nichte Bibiana Huck in Kassel. Foto: privat

© privat

Der Ort, der alles verändert hat: Rund 18 Monate nach ihrem Herzinfarkt trifft sich Marzia Eickmann (links) 2017 mit ihrer Nichte Bibiana Huck in Kassel. Foto: privat

Es ist mitten in der Nacht, Marzia Eickmann, die sich gerade auf einer Dienstreise in Kassel befindet, läuft unruhig in ihrem Hotelzimmer umher. Schon seit Stunden versucht sie, endlich einschlafen zu können, unzählige Male hat sie sich in ihrem Bett hin- und hergewälzt. „In einer fremden Umgebung kommt es schon mal vor, dass man nicht gleich zur Ruhe kommt“, denkt sie sich. Doch schon am nächsten Morgen wird Eickmann eines Besseren belehrt: Diagnose Herzinfarkt.

„Ich war gesund, mir ging es gut“

Heute, sechs Jahre später, weiß die gebürtige Kartungerin, dass ihre Schlafprobleme in jener Nacht nicht an der fremden Umgebung lagen. Und sie weiß auch, dass man Blutdruckprobleme nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. „Ich habe mich über Jahre hinweg geweigert, blutdrucksenkende Medikamente zu nehmen. Ich habe außer ein wenig Bluthochdruck ja auch nie irgendwelche Beschwerden gehabt, ich war gesund, mir ging es gut“, blickt die mittlerweile 65-Jährige zurück.

Innerliche Unruhe als Anzeichen

Als sie in der Nacht vor sechs Jahren nicht zur Ruhe kommt, denkt Eickmann deshalb nicht im Geringsten daran, dass ein ernsteres Problem dahinter stecken könnte. „Ich habe mich zwar direkt in der Nacht noch um einen Termin beim Kardiologen gekümmert, allerdings in der Erwartung, dass die meinen Blutdruck checken, mir ein Beruhigungsmittel geben und ich um 9 Uhr wie geplant zu meinem Seminar gehen kann.“

Doch daraus wird nichts, denn kurz nach der kardiologischen Untersuchung steht fest: Eickmann hat in der Nacht zuvor einen Herzinfarkt erlitten. „Ich bin aus allen Wolken gefallen und konnte das zunächst nicht glauben. Es kann doch nicht sein, dass ich davon körperlich überhaupt nichts gespürt habe – außer dieser innerlichen Unruhe hatte ich keinerlei Beschwerden oder Symptome“, blickt Eickmann zurück.

Kampagnen oft auf Männer zugeschnitten

Dass durchaus auch Frauen einen Herzinfarkt bekommen können, war ihr zwar bewusst, „aber dass es tatsächlich mich treffen könnte, damit habe ich nicht gerechnet.“ Als Ersthelferin wurde Eickmann immer wieder mit dem Thema Herzinfarkt konfrontiert, „aber die meisten Aufklärungskampagnen sind ja auf die Symptome von Männern zugeschnitten“, weiß sie aus Erfahrung. „Da ist dann oft von körperlichen Schmerzen in der Nähe des Herzens, etwa ein Engegefühl in der Brust sowie Arm- und Schulterschmerzen die Rede.“ Dass die Symptome bei Frauen ganz anders aussehen können, werde nur selten erwähnt. „Bei Frauen können etwa Bauchschmerzen ein Anzeichen sein, aber bei mir war es ja noch nicht einmal das“, so Eickmann.

Nach dem Krankenhausaufenthalt direkt in Reha

Nach ihrer erschreckenden Diagnose geht alles ganz schnell: Sie wird in Kassel in ein Krankenhaus eingeliefert und bekommt dort auf einer Spezialstation einen Stent gesetzt. Nach einer Woche Krankenhausaufenthalt geht sie direkt in Reha – ebenfalls in der Nähe von Kassel und damit weit weg von ihrem Zuhause in Mainz. Lediglich ihre Nichte Bibiana, die im Rehazentrum tätig ist, hat sie als enge Vertraute bei sich in der Nähe. „Ich habe am Anfang gar nicht wirklich realisiert, was da mit mir passiert ist. Die Reha und der Abstand von daheim haben mir geholfen, das alles zu verarbeiten“, schildert Eickmann ihre damalige Situation.

Aus welchen Gründen es ausgerechnet sie getroffen hat, darüber lässt sich nur spekulieren. „Ich habe leichtes Übergewicht und etwas Bluthochdruck, aber ansonsten traf keine der Ursachenkriterien, die man so kennt, auf mich zu“, betont Eickmann. „Ich rauche nicht, habe keinen Bewegungsmangel, und es liegt auch keine genetische Veranlagung für eine Herzerkrankung vor“, zählt sie auf. Auch beruflichen oder familiären Stress kann Eickmann ausschließen: „Ich lebe in einer guten Partnerschaft und bin auch in meinem Berufsalltag so routiniert, dass ich eigentlich gar keinen Stress zulasse.“

„Die Sache hätte anders ausgehen können“

Im Rehazentrum fängt sie langsam mit Gymnastik und Aquatraining an, bekommt eine Ernährungs- und Lebensführungsberatung. „Viele der Empfehlungen, etwa Radfahren, Schwimmen oder Gymnastik, habe ich aber auch schon vor meinen Herzinfarkt regelmäßig gemacht“, merkt Eickmann an. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb sie ihren Infarkt vergleichsweise gut überstanden hat. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur „großes Glück“, wie Eickmann im Nachhinein sagt. „Die Sache hätte auch anders ausgehen können, das ist mir bewusst. In der Reha sieht man wirklich schlimme Dinge, die bei einem Herzinfarkt passieren können.“ Auch Eickmanns Angehörige stehen nach der Diagnose erst einmal unter Schock. „Mein Mann hat mir Jahre später erzählt, dass er sich schon vorgestellt hat, wie ich an irgendwelchen Schläuchen hänge.“ Soweit kommt es glücklicherweise nicht. Eickmann übersteht ihre Stent-Implantation ohne Probleme.

Tablettencocktail und 10.000 Schritte pro Tag

Und doch ist seit jener schlaflosen Nacht im Jahr 2015 alles anders: „Ich nehme seitdem acht Tabletten am Tag“, berichtet die 65-Jährige. „Eine echte Überwindung für mich“, sagt Eickmann, die sich ein Leben lang geweigert hat, auch nur eine Kopfschmerztablette zu schlucken. Außerdem stellt sie ihre Ernährung um und orientiert sich dabei an einer einfachen Faustregel: „Ich esse täglich zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse.“

Und noch eine Empfehlung versucht sie zu beherzigen: „10.000 Schritte am Tag – dieses Ziel setze ich mir jeden Morgen aufs Neue.“ Um dieses Ziel zu erreichen, müsse man täglich mindestens eine Stunde einplanen, meint Eickmann. Im Berufsalltag sei das nicht immer so einfach, aber Eickmann hat einen guten Tipp, den ihr eine Therapeutin mit auf den Weg gegeben hat: „Am besten man sucht sich Übungen, die man gut im Alltag integrieren kann.“

Sie selbst steigt deshalb seit einigen Jahren immer eine Haltestelle früher aus, wenn sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. „Die restlichen Meter bis zu meinem Ziel laufe ich dann zu Fuß, um auf meine Schrittzahl zu kommen.“ Ob die Ratschläge wirklich helfen, könne sie nicht garantieren, „aber ich fühle mich wirklich besser und es beruhigt mein Gewissen, dass ich etwas für meine Gesundheit tue“, sagt sie. Und ein gutes Gewissen helfe bekanntlich auch dabei, wieder ruhiger zu schlafen.

Zum Thema:

„Eigene Bedürfnisse nicht länger hintanstellen“

Ihr Autor

BT-Redakteurin Janina Fortenbacher

Zum Artikel

Erstellt:
31. Dezember 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 06sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.