Zu spät für „Wehret den Anfängen“

Von Christian Rapp

Münster (rap) – Donnerstag ist Kolumnentag – zumindest im BT-Sportteil. Rapps Rapport thematisiert dieses Mal den aufkommenden Rassismus in den europäischen Fußball-Ligen. Seit vergangener Woche, als Berlins Jordan Torunarigha und Würzburgs Leroy Kwadwo aufs übelste beleidigt wurden, rückt auch die Thematik in der Bundesliga wieder in den Fokus.

Zu spät für „Wehret den Anfängen“

Verlässt nach den Affengeräuschen das Spielfeld: Portos Stürmer Moussa Marega (Dritter von rechts). Foto: Str/AP

In Italiens Fußballstadien gehört er seit Jahren schon dazu, so sicher, wie das Amen in der Kirche. In Russland ist er leider Gottes bereits fester Bestandteil während den 90 Minuten, auch in England sorgt er immer wieder für Schlagzeilen: Rassismus – Affenlaute, übelste Beschimpfungen, rechtsradikale Gesten von den Tribünen – ist längst fester Bestandteil im europäischen Fußball. Vergangenes Wochenende ist das Thema auch in der Bundesliga wieder stärker ins Scheinwerferlicht gerückt.

Erst die Tränen von Jordan Torunarigha, ehemaliger deutscher Junioren-Nationalspieler, der beim Pokal-Achtelfinale mit Hertha BSC Berlin von Schalker Fans – ausgerechnet Schalke, Stichwort Tönnies – rassistisch beschimpft wurde, dann am vergangenen Freitag Würzburgs wutentbrannter Leroy Kwadwo, der bei der Drittligapartie in Münster kurz vor Schluss von einem einzelnen sogenannten „Fan“ übelst beleidigt wurde.

Zwei Beispiele, die zeigen: Es geht schon längst nicht mehr um „Wehret den Anfängen“ – auch nicht in Deutschland. Schließlich wird der Fußball beziehungsweise der Sport im Allgemeinen ja gerne als Spiegelbild der Gesellschaft betitelt. So verwundert es also kaum, dass in Zeiten, in denen Rechtspopulisten einen Ministerpräsidenten ins Amt hieven, auch Hass und Hetze gegenüber dunkelhäutigen und ausländischen Fußballern wieder Anklang finden.

Werbekampagnen mit Fußballstars verpuffen

Doch wie gegen die dumpfen Krakeeler, die die schönste Nebensache der Welt so in den Dreck ziehen, vorgehen? Präventionen schön und gut, doch Werbekampagnen mit Manuel Neuer, Franck Ribéry, Lionel Messi und Co., die „Say no to racism“ (Sag Nein zu Rassismus) predigen, werden diese Verirrten nicht davon abhalten, ihre diffuse Weltanschauung hinaus zu blöken. Zumal, wenn die Kampagnen derart daneben gehen wie in der italienischen Serie A, wo die Verantwortlichen tatsächlich mit Bildern von drei Affen (Hallo, geht’s noch?), deren Köpfe mit verschiedenen Farben umrandet waren und blaue sowie braune Augen hatten, gegen Rassismus Stellung beziehen wollten. Ein Schuss, der gehörig nach hinten losging!

Gerne sprechen Trainer und Journalisten vor wichtigen Partien davon, dass die Mannschaft ein „Zeichen setzen“ müsse. Genau dies gilt längst auch für den Kampf gegen Rassismus. Die Zeit für Worte und nette Imagefilmchen ist (leider) vorbei, was hilft, sind klare Zeichen und Signale. Etwa so eins, wie die Zuschauer in Münster am Freitagabend in die Fußball-Welt hinaus sendeten. Dort zeigten mehrere Preußen-Anhänger sofort auf den Übeltäter und halfen den Ordnungskräften ihn dingfest zu machen, laute „Nazis raus“-Rufe hallten durch das Stadion. Zudem belegte der Drittligist den Krakeeler mit einem Stadionverbot von drei Jahren, der – traurig, aber wahr – möglichen Höchststrafe.

Marega setzt Zeichen, seine Teamkameraden nicht

Keine 48 Stunden später erlebte 2 150 Kilometer entfernt im portugiesischen Guimaraes Moussa Marega, 28 Jahre alter Nationalspieler aus Mali, einen Albtraum-Abend. Durchweg begleiteten den Porto-Stürmer Affengeräusche. Doch Marega setzte Zeichen, gleich zwei: Erst erzielte er den Siegtreffer, später, nach weiteren Entgleisungen der Zuschauer, verließ er entschlossen den Platz. Seine Teamkameraden dagegen verpassten es, für ein Novum zu sorgen: Statt sich mit dem Malier zu solidarisieren und gemeinsam den Platz zu verlassen („Elf Freunde müsst ihr sein“), versuchten sie, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. Ohne Erfolg, Marega stampfte vom Feld und erntete tags darauf Lob – vom portugiesischen Regierungschef und Spaniens-Torwartlegende Iker Casillas.

Und in Deutschland, nach den ächzenden Anfeindungen gegen Torunarigha und Kwadwo? Da war Bundeskanzlerin Angela Merkel anscheinend eher mit dem thüringischen Desaster beschäftigt, und DFB-Präsident Fritz Keller mit dem badischen Wein. Traurig, aber wahr.