Zu viel Druck: 13-Jährige Baden-Badenerin bleibt Schule fern

Baden-Baden (BNN) – Die Pandemie brachte den Zusammenbruch für eine junge Gymnasiastin. Nun sucht ihre Mutter für sie einen Therapieplatz.

Leistungsdruck in der Pandemie: Der Fernunterricht bereitete vielen Schülern mehr Stress. Einige verloren im Unterricht vorm Bildschirm den Anschluss. Foto: Nicolas Armer/dpa

© picture alliance/dpa

Leistungsdruck in der Pandemie: Der Fernunterricht bereitete vielen Schülern mehr Stress. Einige verloren im Unterricht vorm Bildschirm den Anschluss. Foto: Nicolas Armer/dpa

Hannah Müller geht nicht mehr zur Schule. Die 13-Jährige ist krankgeschrieben. Fernunterricht, Leistungsdruck und Isolation – die Pandemie wurde der Baden-Badener Gymnasiastin einfach zu viel. Ihre Mutter macht das sauer. Sie fühlt sich im Stich gelassen. Im Moment sucht Jutta Müller einen Therapieplatz für Hannah. Die Redaktion hat beide Namen geändert, um die Identität von Mutter und Tochter zu schützen. Die Alleinerziehende ist verzweifelt. Es gebe keine Plätze, sagt sie.

Vor einigen Wochen entließen Ärzte ihre Tochter aus einer psychiatrischen Tagesklinik. Es gehe dem Mädchen aber nicht besser. Seit Dezember ist sie nicht schulfähig. Die Pandemie habe ihre Tochter überfordert, sagt Müller.

Die Schulschließungen im Frühjahr 2020 verursachen enormen Stress bei der 13-Jährigen. Zu diesem Zeitpunkt hat sie weder Computer noch Drucker. Die Aufgabenblätter druckt die Schülerin in einem Laden um die Ecke aus. Über die Sozialen Medien sucht Jutta Müller Hilfe. Nutzer spenden ihr schließlich Laptop und Drucker. Leihgeräte von der Schule ihrer Tochter will sie nicht. Sie fürchtet, dass die Geräte beschädigt werden. In diesem Fall hätte sie die Kosten übernehmen müssen. Und das könne sie sich nicht leisten.

Bei Fernunterricht hilflos ohne Internet

Auch Internet hat die Alleinerziehende im ersten Lockdown nicht. „Ich bin selbst chronisch psychisch krank, deshalb schließe ich selten Verträge ab“, sagt Müller. Eine befreundete Sozialarbeiterin übernimmt das kurzfristig für sie. Ohne Internet und Computer geht im Fernunterricht erst mal nichts. Das setzt Hannah Müller unter Druck. Sie verliert den Anschluss. Die Hausaufgabenhilfe an ihrer Schule fällt auch aus. Ihre Mutter kann ihr nicht helfen. „Und die Lehrer waren einfach überfordert“, berichtet Jutta Müller.

Dadurch verschlechtern sich die Noten der Gymnasiastin. In Mathematik rutscht sie von einer Zwei auf eine Vier. In Deutschklausuren kommt sie gerade so auf eine Drei. Nachdem sie ihr Zeugnis bekommt, bricht sie zusammen. „Ich konnte nicht mehr“, sagt die 13-Jährige. Seitdem ist sie zu Hause. Vor kurzem überredete sie ihre Mutter, auf eine Schule zu wechseln, in der es kleinere Klassen gibt. Dadurch versprechen sich beide eine Verbesserung.

Mit ihren Problemen ist Hannah Müller nicht allein. Auch andere Schüler klagen gegenüber der Redaktion über mehr Druck. „Sicherlich hat sich der Lernstress für die Schüler durch die Pandemie erhöht“, sagt Ina Berger vom Staatlichen Schulamt in Rastatt. Mehr Beschwerden habe es deswegen aber nicht gegeben. Allerdings beklagten Lehrer und Eltern Probleme im Fernunterricht. Als Beispiel nennt Berger die digitale Ausstattung der Elternhäuser.

Auf die Frage, ob Lehrer meldeten, dass sich die Leistung der Schüler in der Pandemie verschlechterte, antwortet Berger nicht direkt. Stattdessen verweist sie auf das Programm „Lernen mit Rückenwind“. Es soll helfen, Lernrückstände auszugleichen.

Ministerium versucht Druck abzusenken

Auch das baden-württembergische Kultusministerium hält sich beim Thema Schulstress zurück. „Druck wird grundsätzlich subjektiv wahrgenommen, weswegen wir keine abschließenden Aussagen dazu machen können, ob der Leistungsdruck durch die Pandemie zugenommen hat“, sagt Sprecher Benedikt Reinhard. Allerdings habe das Ministerium versucht, den schulischen Druck zu senken.

Lehrer durften zum Beispiel die Zahl der Klausuren reduzieren, sobald sie den Präsenz-Unterricht mehr als vier Wochen ausgesetzt haben.

Außerdem meldeten Schulen, dass sich der digitale Unterricht im zweiten Corona-Schuljahr verbesserte, sagt Reinhard. Die Lernrückstände seien zumindest nicht größer geworden.

Das Ministerium teilt mit, dass die Noten der 27.700 Abiturienten des Jahrgangs 2021 besonders gut abschnitten. Seit mehr als 30 Jahren seien Absolventen nicht so erfolgreich gewesen. Anspruch und Niveau des Abiturs sei gleich geblieben. Nach Zahlen des Statistischen Landesamts liegt der Schnitt bei 2,15 – das ist um 0,16 besser als 2020. Ob die restlichen Klassenstufen in Baden-Württemberg ebenso gut abschnitten, bleibt offen.

Die Pandemie beeinflusst auch die Zukunftspläne vieler Schüler, das beobachtet Christian Theurer. Er ist Jugendberufshelfer an der Louis-Lepoix-Schule und der Robert-Schuman-Schule in Baden-Baden. Dabei hilft er mehr als 3.000 Schülern bei der beruflichen Orientierung. In den vergangenen zwei Jahren hätten sich Jugendliche vermehrt für den Schulweg entschieden, sagt Theurer. „Viele Jugendliche sind verunsichert und gehen vorsorglich auf die Schule, anstatt eine Ausbildung zu suchen.“

Ihnen fehlten vor allem praktische Erfahrungen. Denn: Es gab in einigen Branchen kaum Praktika – in der Gastronomie zum Beispiel. Restaurants und Bars waren in der Krise monatelang geschlossen. Unternehmen aus der Pflege sagten dagegen Bewerbern zum Schutz ihrer Patienten ab. Und das, obwohl es Bedarf gegeben habe, sagt Theurer.

Hinzu kamen auch noch die Probleme im Fernunterricht. „Zu Hause sitzen und lernen ist was anderes, als in der Schule“, sagt der Berufsberater. Die Folge: Es kamen mehr Jugendliche zu ihm, die abbrechen wollten. Das betraf vor allem Schüler der Berufsfachschule und des Berufskollegs. Sie bekommen nach einer halbjährigen Probezeit ein Zwischenzeugnis.

Wegen schlechter Noten suchten sie nach Alternativen. „Im laufenden Ausbildungsjahr ist das schwer“, sagt Theurer. Er vermittelte sie an Programme der Agentur für Arbeit oder den freiwilligen Dienst, um die Zeit zu überbrücken.

Zum Thema: Themenwoche

Gesperrte Sportplätze, geschlossene Jugendtreffs, Kontaktbeschränkungen und Fernunterricht – Jugendliche in Baden-Baden hatten es in der Pandemie nicht leicht. Politiker, Lehrer und Eltern bestimmten für sie. Noch ist die Krise nicht vorbei. Mit der Themenwoche „Jugendliche in der Pandemie“ beleuchten BNN und BT einige Probleme und Hürden junger Leute. Wie erleben sie Corona? Wovor haben sie Angst? Was beschäftigt sie? Jeden Tag nehmen wir ein anderes Thema unter die Lupe.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

Karoline Scharfe

Zum Artikel

Erstellt:
26. April 2022, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 58sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.