Zu wenige Lehrer an den Schulen

Gaggenau – Durch Corona werden Versäumnisse der Landesregierung mehr als offenkundig, sagt Bernhard Baumstark aus Gaggenau. Er ist Vorsitzender des Personalrats GHWRGS für den Schulamtsbezirk Rastatt.

Bernhard Baumstark aus Gaggenau ist Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Foto: pr

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Bernhard Baumstark aus Gaggenau ist Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Foto: pr

Die Corona-Welle hat nun auch die Schulen erreicht. Markgraf-Ludwig-Gymnasium Baden-Baden, Josef-Durler-Schule Rastatt, Handelslehranstalt Bühl, Merkurschule Ottenau, Von-Drais-Schule Gernsbach melden positive Tests: Rund 20 Lehrer wurden in Quarantäne geschickt. Unterrichtsausfälle sind nicht zu vermeiden. Gegenüber BT-Redakteur Thomas Senger erörtert Bernhard Baumstark die Lage aus seiner Sicht.

BT: Herr Baumstark, wie beurteilen Sie die Lage?

Bernhard Baumstark: Von Normalität weit entfernt und von Lehrkräftemangel geprägt.

BT: Erläutern Sie das näher?

Baumstark: Alle wollen wieder in die Klassenzimmer zurück, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte. Doch für den Unterricht unter Pandemiebedingungen brauchen wir mehr pädagogische Profis als vorher. Doch gleichzeitig fehlen durch den Lehrermangel und die Corona-Risikogruppen so viele Lehrkräfte wie noch nie in den vergangenen Jahren in den Klassenzimmern.

BT: Wie ist die Situation bei den Krankheitsvertretungen?

Baumstark: Aufgrund des akuten Personalmangels, vor allem im Grundschulbereich, sind bereits zum Schuljahresbeginn nahezu alle Krankheitsreserven aufgebraucht.

BT: Wie kann das sein?

Baumstark: Der Hintergrund: Nicht alle Stellen, die besetzt sind, stehen für die Unterrichtsversorgung zur Verfügung. Junge Kolleginnen, die in den vergangenen Jahren eingestellt wurden, werden plötzlich Mütter. Damit hat im Kultusministerium offensichtlich niemand gerechnet.

Für die Gesellschaft ist wichtig und wertvoll, wenn junge Frauen Kinder bekommen, für eine „auf Kante genähte“ Unterrichtsversorgung (Zitat Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann) ist dies aber fatal. Hinzu kommen eine gewisse Anzahl Langzeiterkrankter und durch Corona bedingt, Lehrkräfte, die aufgrund ärztlicher Atteste zumindest für den Präsenzunterricht nicht zur Verfügung stehen können.

BT: Lässt sich dies in Zahlen fassen?

Baumstark: Dies sind circa neun Prozent der Lehrkräfte, die den bereits vorhandenen Lehrermangel verschärfen, da sie nur für Fernunterricht zur Verfügung stehen. Auch wird es nicht vermeidbar sein, dass es in den Schulen Infektionsfälle geben wird, was das System weiter unter Druck setzt. Es ist dramatisch, dass es an Grundschulen für fast 30 Prozent der Stellen nicht einmal Bewerber gibt. Aber warum wird die ständige Vertretungsreserve an Gymnasien nicht schnell mit den dort vorhandenen Bewerberinnen und Bewerbern aufgestockt? Und wo wird das Geld eingesetzt, das durch die nicht besetzten Lehrerstellen „eingespart“ wird?

BT: Wie ist die Lage bei der Lehrerausbildung?

Baumstark: Die geringe Zahl an zusätzlichen Studienplätzen in der Lehrerausbildung wird nicht reichen, um den Bedarf aufgrund der steigenden Geburtenzahlen, für pädagogische Weiterentwicklungen und den Ausbau der Ganztagsschulen zu decken. Hierzu bedarf es einer deutlichen Anhebung der Studienplätze im Grundschul- und Sonderpädagogikbereich.

BT: Wie ist die Hygiene-Situation an den Schulen?

Baumstark: Bei einer Online-Umfrage der GEW in Baden-Württemberg meldeten 80 Prozent der befragten gut 250 Schulleiter, dass die Schulträger kein zusätzliches Reinigungspersonal bereitgestellt haben, um die durch Verordnungen der Landesregierung vorgeschriebenen täglichen Reinigungsarbeiten zu erledigen.

Auch sichere FFP2-Masken für Risikogruppen unter den Lehrkräften waren in Aussicht gestellt. Das ist gestrichen. Es ist leider davon auszugehen, dass in den 4 500 Schulen im Land an vielen Stellen vorgeschriebene Hygienestandards nicht eingehalten werden können. Die Landesregierung wird ihrer Verantwortung als Arbeitgeber für 130 000 Lehrkräfte und für die über 1,4 Millionen Schülerinnen und Schüler nicht gerecht.

BT: Ihr Fazit?

Baumstark: Die GEW bemängelt, dass „ein Plan B“ fehlt, wenn zum Beispiel einzelne Schulen geschlossen werden müssen. Welche Strategie gibt es dann zum Beispiel für die neuen Erstklässler, wenn eine Grundschule geschlossen wird? Es entsteht der Eindruck, dass die Schulen mit solchen Fragen allein gelassen werden.


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