Zum 85. Geburtstag – der Dalai Lama im Porträt

Baden-Baden (kli) – Die Welt kennt ihn als Dalai Lama. Am 6. Juli 1935 als Lhamo Thondup im Nordosten Tibets geboren, ist er heute ein sehr angesehener Ethik-Lehrer mit Wiedererkennungswert.

Seit Jahrzehnten das geistliche Oberhaupt der Tibeter: der Dalai Lama.  Foto: Marijan Murat/dpa

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Seit Jahrzehnten das geistliche Oberhaupt der Tibeter: der Dalai Lama. Foto: Marijan Murat/dpa

Die Kinder, die im Jemen oder in Syrien sterben, haben die gleichen Schmerzen wie wir. Sie leben ihr Leben wie wir. Nur wer zu wenig Einfühlungsvermögen hat, ist bereit, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. Dabei bringt es nichts, Buddha, Allah oder Gott zu bitten, er möge die Probleme lösen. Christus, Mohammed und Buddha würden heute sagen: Wer hat denn die Probleme geschaffen? Ihr selbst! Ihr Menschen habt die Verantwortung, die Welt zu verändern.“

Weiße Schals, und alle sind beseelt

So spricht der Dalai Lama am 19. September 2018 in Darmstadt bei einem Forum der Friedensnobelpreisträger und es ist wie immer: Die Menschen hören fasziniert zu. Am Ende verteilt er weiße Schals und alle sind beseelt. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter hat die Welt mit seinem Leben, seinen religiösen und ethischen Impulsen und seinem Einsatz für die Freiheit Tibets beeindruckt. Zwar hat er die weltlichen Geschäfte 2011 einer Exilregierung abgegeben, doch durch seine weltweite Präsenz hält er die Tibetfrage wach. Wegen seiner medialen Präsenz erhält er den Deutschen Medienpreis 2008 in Baden-Baden. Seine Botschaft und entwaffnende Fröhlichkeit, hieß es damals zur Begründung, „sind zu einer Kraft des Guten jenseits kultureller oder religiöser Differenzen in der Weltpolitik geworden“.

Auch Kritik an seinem Kurs, der Tibet bisher nicht die Freiheit beschert hat, führt nicht zu seiner Entzauberung. Am Montag wird der Prediger des Mitgefühls 85 Jahre alt.

Als Lhamo Thondup kommt der Sohn von Kleinbauern im Nordosten Tibets am 6. Juli 1935 zur Welt. Doch eine Kindheit kennt er nicht. Schon als Zweijähriger wird er von einem Suchtrupp als die Verkörperung des neuen Dalai Lama (etwa „Ozean der Weisheit“) erkannt, als Reinkarnation, die sich an frühere Leben erinnert. Mit fünf wird er spirituelles Oberhaupt, mit zehn weltliches Oberhaupt der Tibeter.

Von Mao Zedong anfangs beeindruckt

1950 beginnen die Chinesen, seine Heimat zu besetzen. Offiziell, weil sie der rückständigen Region helfen wollen, ihre althergebrachte Theokratie zu überwinden – und den alten Status wiedereinzusetzen, denn aus chinesischer Sicht ist Tibet seit jeher ein Teil Chinas.

Anfangs ist der Dalai Lama angetan von der Idee, Buddhismus und Marxismus zu vereinen, er will sogar Mitglied der Kommunistischen Partei werden. Staatschef Mao Zedong findet er höchst beeindruckend. Die Chinesen errichten ein „Komitee für die Autonomie Tibets“, doch bald schon wird dem Dalai Lama klar: Sie meinen es nicht ernst.

„Jetzt fing ich an zu begreifen: Maos Worte waren schön, aber ohne Substanz“, schreibt er in seiner Autobiografie „Das Buch der Freiheit“. Die Besetzung Tibets lässt die Welt kalt, nach dem Koreakrieg will sich keiner einen weiteren Krieg aufhalsen. 1959 spitzt sich die Lage zu. Tibetische Freiheitskämpfer greifen zu den Waffen. In Lhasa, am Sitz des Dalai Lama, kommt es zum Aufstand, den die Chinesen brutal niederschlagen. Der Dalai Lama flieht nach Indien, die indische Regierung bietet ihm eine Residenz zunächst in Mussoorie, ab 1960 in Dharasalam an, wo er heute noch residiert. Es kommen immer mehr Tibeter nach Indien, sie fliehen vor den Gräueltaten der Chinesen. Diese brennen Dörfer nieder, zerstören Tempel, demütigen Mönche und Nonnen.

Indiens Premierminister Jawaharlal Nehru unterstützt die Gäste, lässt sie Siedlungen bauen, hält sich aber politisch zurück. Nehru erklärt, er könne nichts für Tibet tun. Indien möchte nicht die komplizierten Beziehungen zu China, die 1962 in einen Grenzkrieg münden, gefährden.

Der Dalai Lama kämpft weiter gewaltlos gegen die Aggression Chinas. Weitgehend wirkungslos. Später rückt er von der Maximalforderung ab, 1987 entwirft er in einem Friedenplan einen „Mittleren Weg“: weitestgehende Autonomie für Tibet innerhalb Chinas. Peking lehnt ab.

Für seinen Einsatz erhält er 1989 den Friedensnobelpreis, doch der „Mittlere Weg“ führt bis heute nicht zum Ziel.

Die Spiritualität und der Kommunismus

Im Gegenteil: China hat seine Macht in der Welt ausgebaut, von Tibets Freiheit spricht kaum einer mehr. Durch die Ansiedlung vieler Han-Chinesen werden die Tibeter in ihrer Heimat mehr und mehr zur Minderheit.

Dennoch hofft der Dalai Lama, eines Tages in seine Heimat zurückkehren können. China sei nicht monolithisch, sagt er. „Und wenn es die Spiritualität ist, die den chinesischen Kommunismus zu Fall bringt?“

Das ist seine zweite Aufgabe: Der Dalai Lama als Religionsführer, als Lehrer der Menschlichkeit, des Mitgefühls, „Die anderen wollen genauso wenig leiden wie wir und streben genauso wie wir nach Glück“, lautet seine Maxime.

Man müsse erkennen, dass zwischen allen Wesen eine Beziehung besteht. Dass alle Menschen Mitglieder einer großen Familie sind. Dann sind die Kinder im Jemen und in Syrien eben nicht egal.

Nächstenliebe statt Ichbezogenheit. Wichtig sind die Kraft der Meditation, die Fürsorge, die universale Verantwortung. Auch im Umweltschutz. Man müsse den Planeten als „Mutter Erde“ begreifen. Die Bewahrung der Erde sei eine Frage des Überlebens der Menschheit. Deshalb wünscht er der Friday-for-Future-Bewegung viel Glück. Er bewundert und unterstützt Greta Thunberg.

„Buddha wäre ein Grüner“, weissagt der Dalai Lama. Jeder müsse das ihm Mögliche tun, die Umwelt zu schützen.

Mit diesen Prinzipien der Geistesreligion Buddhismus, die anders als das Christentum nicht missioniert („Es liegt mir fern, den Buddhismus zu propagieren oder neue Anhänger gewinnen zu wollen“) inspiriert der nunmehr 85-Jährige viele Menschen. Ethik, so fordert er in einem Buch mit Franz Alt, sei wichtiger als Religion.

Bleibt die Frage, wie es dereinst nach seinem Tod weitergeht. Das entscheide allein das tibetische Volk. „Der Buddhismus wird weiter bestehen. Der Dalai Lama muss es nicht unbedingt“, meint er. Und: Der nächste Dalai Lama könne auch eine Frau sein. Falls er, der 14. Dalai Lama, außerhalb Tibets sterben werde, werde sich seine Reinkarnation auch außerhalb von Tibet manifestieren. Der Suchtrupp weiß also schon mal ungefähr, wo der 15. Dalai Lama zu finden wäre.

Ein BT-Interview mit dem Baden-Badener Franz Alt, einem engen Freund des Dalai Lama, können Sie hier lesen.


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