Zum Kachel-Meister mit dem Rolls-Royce

Baden-Baden (nbr) – Axel Eisenack hat schon fürs Schloss Versailles gearbeitet. Seine Manufaktur für Ofenkacheln könnte noch viel mehr Unikate herstellen – wären nur die Handwerker nicht so rar.

Der Kachel-Man: Was Axel Eisenack in seiner Baden-Badener Manufaktur herstellt, sind Unikate. Auch Premium-Herd-Hersteller setzen auf das Know-how seiner Unternehmens. Foto: Andrea Fabry

© Foto Fabry info@foto-fabry.de

Der Kachel-Man: Was Axel Eisenack in seiner Baden-Badener Manufaktur herstellt, sind Unikate. Auch Premium-Herd-Hersteller setzen auf das Know-how seiner Unternehmens. Foto: Andrea Fabry

Es kommt schon mal vor, dass eine Luxuslimousine auf den holprigen Hof fährt. Der Chauffeur öffnet dann die Türen. Die Kunden steigen aus – und staunen. So etwas wie in diesem Gewerbegebiet im Baden-Badener Stadtteil Oos sieht die weit gereiste Kundschaft nicht alle Tage.

Axel Eisenacks „Manufaktur für Ofenkacheln“ ist in einem historischen Gebäude untergebracht. Der Rundgang über vier Stockwerke hat etwas von einem Besuch in einem Industriemuseum. Recht düster ist es. In der ein oder anderen Ecke, zwischen den Backsteinwänden, haben Spinnen ihr Netz gewebt. Tonstaub liegt auf den Böden, Treppen, auch dort, wo gerade gearbeitet wird – im riesigen Archiv im Speicher, wo alle Formen archiviert sind, sowieso.

Eisenack stellt nicht nur Formen selbst her, auch die Kachelmasse für die Ofenkacheln und die Glasuren. Mehr als 10.000 Farben bietet er. „Jede Kachel ist ein Unikat“, sagt der 56-Jährige. Die Tradition seiner Arbeit reicht bis ins Jahr 1867 zurück zur Firma Roth, die vor allem für Kirchen arbeitete und auch auf der Pariser Weltausstellung präsent war. Die Handwerkstradition ging über auf die Firma Löw, auf deren Gelände Eisenack quasi aufgewachsen ist. Er ist Keramiker, Modelleur, fügte später den Meister als Ofensetzer hinzu – und ist gefragt bei internationalen Stararchitekten mit ihrer erlesenen Privatkundschaft.

Kirchen-Kunst: Die Manufaktur von Axel Eisenack greift die Tradition von Baden-Badener Firmen auf, die im 19. Jahrhundert auch viel für Kirchen gearbeitet haben. Foto: Andrea Fabry

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Kirchen-Kunst: Die Manufaktur von Axel Eisenack greift die Tradition von Baden-Badener Firmen auf, die im 19. Jahrhundert auch viel für Kirchen gearbeitet haben. Foto: Andrea Fabry

Sogar für zwei historische Badezimmeröfen im Schloss Versailles stellte Eisenacks Team Kacheln her. „Keiner in Frankreich hat die Teile fertig bekommen“, erinnert sich Eisenack stolz. In der Folge stellte seine fünfköpfige Belegschaft 200 Bodenfliesen für eine Villa an der Avenue des Champs-Élysées aus dem 16. Jahrhundert her. „Den Eigentümer kennen wir nicht. Das ging über einen Vermittler“, sagt Eisenack.

In Deutschland gebe es nur noch weitere zwei Firmen, die ähnlich spezialisiert arbeiteten. In der Region entdecken Besucher des Friedrichsbades, von Schloss Favorite oder von den Vogtsbauernhöfen die Werke der Kachelmanufaktur.

Eisenack ist zufrieden mit der Auftragslage. „Im Handwerksbereich läuft es gut“, es gebe Wartezeiten bis zu einem halben Jahr – das Problem sei schlichtweg für ihn, dass es kaum noch Mitarbeiter mit dem handwerklichen Können auf dem Arbeitsmarkt gebe. „Und im Industriebereich boomt es momentan“, spricht der Unternehmer die zweite Sparte an.

Er produziert in Handarbeit auch sehr hochwertige Backofenplatten für Premium-Herde. Die BSH-Holding ist unter den Auftraggebern, aber auch La Cornue – in solchen Öfen lassen auch Scheichs ihre Brote backen. Zu Umsatz und Ergebnis macht der Einzelunternehmer keine Angaben.

Im Kachelformen-Archiv: Axel Eisenack bewahrt die handgefertigten Formen in zahlreichen Regalen im Speicher seiner Ofenkachel-Manufaktur auf. Foto: Andrea Fabry

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Im Kachelformen-Archiv: Axel Eisenack bewahrt die handgefertigten Formen in zahlreichen Regalen im Speicher seiner Ofenkachel-Manufaktur auf. Foto: Andrea Fabry

„Wir arbeiten nur auftragsbezogen, haben kein Lager“, ergänzt Michael Socnik, der sich in der Manufaktur um den Vertrieb kümmert – Eisenack ist am liebsten im Speicher in der Gipserei, wo er Formen herstellt.

Bei Kachelofen- und Premium-Herd-Bauern in Deutschland sei Eisenack ein Begriff, sagt Socnik. Bis die Kacheln für einen Ofen fertig sind, könne es zwischen vier Wochen und einem Jahr dauern. Ein hoher Jurist hat Kacheln für gleich mehrere Öfen bei den Baden-Badenern herstellen lassen. Da dienten die Kacheln des Versailler Ofens als Vorbild – nur sind sie bei der badischen Variante gebogen und haben eine andere Farbnuance.

Vor Corona haben sich übrigens auch Künstlerinnen und Künstler, selbst aus der Schweiz, in der historischen Fabrikhalle eingemietet und ihre Werke im großen gasbeheizten Ofen brennen lassen.

Als Spezialist auch für Glasuren hat Eisenack die Logo-Farbe eines internationalen Konzerns hergestellt – von Melbourne über Singapur bis nach London leuchtet nun das Baden-Badener Werk.

Eisenack führt weiter durch seine museale Fabrik, wo Fliesen mit Jugendstil-Schwänen auf Regalen stehen oder ein Muster aus dem 19. Jahrhundert fürs Kloster Lichtenthal an der Wand hängt. Dabei freut er sich über einen Trend: „Es ist ein Wandel da, viele junge Leute greifen auf Traditionelles zurück“, sagt er und zeigt auf die mit Weintrauben verzierten grünen Kacheln für einen neuen Ofen, die auf einer Palette lagern. Eine junge Winzerfamilie hat sie bestellt.

Und so kommt Kundschaft aus Deutschland und den Nachbarländern, parkt ihre Autos auf dem Kopfsteinpflaster von der Manufaktur – manchmal ist auch ein Rolls-Royce dabei.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Dirk Neubauer

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Erstellt:
9. Februar 2022, 15:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 16sec

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