Zunehmende Zweifel am Atomausstieg

Karlsruhe (BNN) – Ende 2022 soll mit Neckarwestheim 2 eines der letzten drei Atomkraftwerke vom Netz. Ob das in Zeiten der Energiekrise so sinnvoll ist? Kann man es einfach weiterlaufen lassen?

Abschaltplan: Als letztes Atomkraftwerk in Baden-Württemberg soll der Meiler Neckarwestheim II im Landkreis Heilbronn bis Ende des Jahres vom Netz. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Abschaltplan: Als letztes Atomkraftwerk in Baden-Württemberg soll der Meiler Neckarwestheim II im Landkreis Heilbronn bis Ende des Jahres vom Netz. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Soll das einzige in Baden-Württemberg verbliebene Atomkraftwerk Neckarwestheim 2 angesichts der derzeitigen Energiekrise und des Ukraine-Kriegs wirklich vom Netz gehen? 2020 hat es mit einem Viertel zur hierzulande produzierten Strommenge beigetragen.

Die zuständigen Bundes- und Landesministerien befürworten die Abschaltung trotzdem – die Frage sei geprüft worden. Doch die Zweifel mehren sich, wie genau die Grünen-geführten Häuser da eigentlich hingeschaut haben.

Ganze fünf Seiten lang ist der „Prüfvermerk“ von Bundesumwelt- und -wirtschaftsministerium von Anfang März, bevor er zu dem Schluss kommt: „Im Ergebnis einer Abwägung von Nutzen und Risiken ist eine Laufzeitverlängerung der drei noch bestehenden Atomkraftwerke auch angesichts der aktuellen Gaskrise nicht zu empfehlen.“

Eine Verlängerung könne nur sehr begrenzt zur Lösung des Problems beitragen, die Kosten sowie Risiken eines Weiterbetriebs, die der Staat übernehmen müsste, stünden nicht im Verhältnis.

Bayern fordert Abkehr vom Ausstieg

Die bayerische Landesregierung hat sich bereits für eine längere Laufzeit des Atom-Meilers Isar 2 ausgesprochen, auch dessen Betreiber Preussen-Elektra warb jüngst im „Spiegel“ dafür. Die dürren Zeilen des Berliner „Prüfvermerks“ reichten den Regierenden in Bayern offenbar nicht – sie fordern von der Bundesregierung eine offizielle Stellungnahme zum Weiterbetrieb.

Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) bezieht sich dagegen auf genau diese Berliner Prüfungen, um ihre ablehnende Haltung zu untermauern.

Mitte März erklärte sie in der „Stuttgarter Zeitung“ wörtlich: „Es müssten neue Sicherheitschecks gemacht werden, das Personal ist nicht mehr da, die Brennstäbe müssten neu gekauft werden – allein die Lieferung würde eineinhalb Jahre dauern.

Deshalb ist das Thema vom Tisch.“ Diese Aussage sei nach wie vor gültig, erklärt das Ministerium am Freitag auf Anfrage der Badischen Neuesten Nachrichten und des Badischem Tagblatts.

Personal in Neckarwestheim bleibt zunächst an Bord

Eine Antwort der EnBW wirft aber zumindest auf die Frage des Personals ein ganz anderes Licht. Die Logik, dass unmittelbar im Zuge der Abschaltung von Neckarwestheim 2 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „von Bord gehen“, sei nicht zutreffend, heißt es da.

Mit dem fortschreitenden Rückbau der Anlagen werde sich die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dann zwar verringern, „betriebsbedingte Kündigungen sind im Kontext der Abschaltung und des Rückbaus aber ausgeschlossen.“ Insgesamt arbeiteten dort 700 Beschäftigte am Rückbau von Block 1 und am Betrieb von Block 2.

Plötzlich Vorzüge der Kohle entdeckt

Auch in punkto Sicherheit von Neckarwestheim 2 klingt die Einschätzung der EnBW nicht, als ob ein Weiterbetrieb undenkbar wäre. Block 2 „verfügt über ein – auch im internationalen Vergleich – sehr hohes Sicherheitsniveau und wird von der EnBW sicher und verantwortungsbewusst betrieben.“

Grüne für Betrieb von Kohlekraftwerken

Baden-Württembergs Umweltministerium entdeckt in der Debatte um die Laufzeitverlängerung– obwohl von Grünen geführt – die Vorzüge der Kohle: „Die Vorbereitungen, um die Laufzeiten der AKW zu verlängern, würden insgesamt erhebliche Zeit in Anspruch nehmen, so dass AKW in der gegenwärtigen Situation keine Hilfe darstellen können“, heißt es in einer aktuellen Antwort an die Redaktion.

„Vor diesem Hintergrund ist es einfacher, ein zur Abschaltung vorgesehenes oder ein abgeschaltetes Kohlekraftwerk weiter zu betreiben, als die Laufzeit der Kernkraftwerke zu verlängern.“

Es ist ein CDU-Mann, der die damit verbundenen Schäden für den Klimaschutz in den Blick rückt. Dem energiepolitischen Sprecher der CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag, Raimund Haser, geben die Größenordnungen bei Stromproduktion und Kohlendioxidausstoß zu denken.

Der Atomausstieg soll zumindest kurzfristig überdacht werden, fordert er. „Mich treibt um, über was für Mengen wir da reden. Wir können die Leistung der Kernenergie irgendwann einmal durch die Erneuerbaren Energien ersetzen, aber leider jetzt noch nicht“, sagt er auf Anfrage der BNN.

„Aktuell müssten wir die Jahresproduktion von Neckarwestheim von 10.000 GWh im Jahr - immerhin ein Sechstel des gesamten Stromverbrauchs in Baden-Württemberg - zum Großteil durch Kohle ersetzen. Das bedeutet bis zu zehn Millionen Tonnen CO2 mehr pro Jahr!“ Von Klimaschutz könne da keine Rede sein.

Kohle aus Kolumbien und Fracking-Gas aus den USA

Vom Bund fordert Haser mehr Unterstützung, um die Fertigstellung der Südlink-Stromtrasse zu beschleunigen. „Hier stehen wir aktuell im Jahr 2029, dabei sollte sie längst fertig sein.“

Das für die Abkehr von fossilen Brennstoffen zudem nötige Wasserstoffnetz kommt frühestens 2035 – „spätestens dann werden wir zudem auch auf Technologien wie Tiefe Geothermie oder Pumpspeicherkraftwerke zurückgreifen können.

Bis dahin werden wir allerdings schon aus finanziellen Gründen heraus auf Kohle setzen. Und die holen wir ab sofort ausgerechnet aus Kolumbien, dazu noch Flüssiggas aus Katar und Fracking-Gas aus den USA.“

Beim grünen Regierungspartner stößt er auf taube Ohren. „Unsere Position bleibt, wie sie ist“, bekräftigt eine Sprecherin von Umweltministerin Walker . „Wir müssen nach dem Ende der Kernenergie die Erneuerbaren noch kraftvoller und schneller ausbauen, um uns auch aus der Energie-Abhängigkeit von Russland zu befreien. Sonne und Wind gehören niemandem und sind überall verfügbar, dazu verursachen sie keinen hochradioaktiven Müll und sind sicher.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Erika Becker

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Erstellt:
9. April 2022, 19:59 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 40sec

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