Zurück in die Zeit der deutschen Hochromantik

Baden-Baden (hjb) – Berliner Philharmoniker führen unter Kirill Petrenko in Baden-Baden zwei große Hauptwerke der Sinfonik auf.

Die Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko im Festspielhaus.Foto: Monika Rittershaus

© Monika Rittershaus

Die Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko im Festspielhaus.Foto: Monika Rittershaus

Im Festspielhaus Baden-Baden gastierten endlich wieder die Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko. Gleich zwei große Hauptwerke der Sinfonik gab das erstklassige Orchester am Sonntagabend. Einmal führte der Weg zurück in die Zeit der deutschen Hochromantik mit der „Schottischen Sinfonie“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy, zum Anderen ging es in die russische Moderne aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs mit Dimitri Schostakowitsch und dessen großangelegter neunten Sinfonie.

Mendelssohn war einer der weitgereisten Romantiker, er hatte das Glück aus einer sehr wohlhabenden Bankiers-Familie zu stammen, somit wurde sein Talent von klein auf gefördert, und ihm war es möglich quer durch Europa zu reisen. Neben Italien entdeckte man als neues Ziel der „Grand- Tour“ für gut betuchte Söhne aus gehobenen Kreisen zur Zeit der Romantik insbesondere England und Schottland. Mendelssohn war gerade 20 Jahre jung, als er die karge Weite der schottischen Landschaft schätzen lernte. In der Schlosskapelle im „Holyrood Palace“, wo einst Maria Stuart von Schottland residierte, fand der junge Komponist das melancholisch düstere und zugleich so sangliche Thema des ersten Satzes dieser Sinfonie, die neben seiner Hebriden Ouvertüre, eine unvergleichliche Hommage an Schottland ist. Vollendet wurde die Sinfonie indes erst zwölf Jahre später.

Hymnische Sangbarkeit und stürmischer Schwung


Die Berliner unter Kirill Petrenko gaben den Eingangssatz in der angemessenen Balance aus hymnischer Sangbarkeit und stürmischem Schwung, der einem Sturmwind der über die begrünten Wiesen der Highlands fegte gleichen mochte. Noch ganz nach der Sonatenhauptsatzform der Klassik ist dieser gebaut, doch besitzt der Satz die Weite und das sehnsüchtige Strömen der romantischen Musik. Das folgende Scherzo spielt vor allem im munteren Trio mit seinen kapriziösen Klarinetten-Soli an auf die Volksmusik der Schotten und ihren Bagpipes. Sehr beschwingt und tänzerisch und mit voller Klangpracht huschte das vorüber. Singend und episch wurde dann der langsame Satz ausgelegt, der wie ein großer See in den Bergen des Hochlandes glitzerte und Ruhe ausstrahlte. Endlich setzte das Finale seine rhythmischen Akzente. Massig und zugleich mit feinzeichnender Finesse modulierten die Berliner Philharmoniker unter Maestro Petrenko diesen geschwinden Ausklang der wohl bis auf den heutigen Tag schönsten musikalischen Würdigung Schottlands für Orchester.

Ganz anders ist die neunte Sinfonie von Schostakowitsch in jeder Beziehung. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wendete sich das Kriegsglück der Roten Armee, und aus der Niederlage gegen die Nazi-Armee Deutschlands wurde ein Sieg. Darauf erwartete man von Schostakowitsch eine heroische Sinfonie, die Stalin preist und den großen Sieg feiert. Ursprünglich sollte sogar ein Chor einbezogen werden wie in Beethovens Neunter. Allerdings führt trotz der Verwendung des heroischen Es-Dur Schostakowitsch schon im ersten Satz diesen Siegesgedanken ad absurdum. Trotz allem Pomp streift ausgerechnet in der Durchführung eine Art Zirkusmarsch grell das feierlich Erhabene. Petrenko und die Philharmoniker arbeiteten die Kontraste heraus und stellten die Gedanken des Komponisten sehr klar heraus.

Mittel eines Zirkusmarsches erscheinen angemessen


Dagegen gibt der folgende langsame Satz die Trauer der am Krieg leidenden Menschen wieder, großer Ernst und chromatische Harmonik stehen im Vordergrund. Dann folgt ein Scherzo in Marschart mit einem düsteren fis-moll Trio und ein weiterer langsamer Satz, der mit martialischen Fanfarenrufen beginnt und ganz leise ausklingt. Petrenko stellte die Dramaturgie der Sätze trefflich heraus. Endlich kommt das Finale. Drei Themen bringt es mit. Es überwiegt wieder das zirkushaft marschartige, das die Berliner Philharmoniker mit Wucht erklingen ließen. Nicht umsonst sah man in dieser Siegessinfonie Schostakowitschs eine Provokation. Aber die Mittel eines Zirkusmarsches erscheinen angemessen.


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