Zurückhaltung in der Kurstadt

Baden-Baden (BT) – Die Kurstadt an der Oos ist bei Russen beliebt – enge Bande bestehen schon seit langem. Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine für Baden-Baden?

Weithin sichtbares Zeichen der Verbindung zwischen Russland und Baden-Baden: Die russische Kirche in der Lichtentaler Straße. Foto: Janina Fortenbacher

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Weithin sichtbares Zeichen der Verbindung zwischen Russland und Baden-Baden: Die russische Kirche in der Lichtentaler Straße. Foto: Janina Fortenbacher

„Es ist erschütternd, was da gerade zwischen Russland und der Ukraine passiert“, sagt Anastasia K. Sie hat russische Wurzeln, lebt aber seit ihrer Geburt in Baden-Baden. „Meine Tochter durfte heute im Kindergarten Fasching feiern, sie ist vier Jahre alt, sie versteht nicht, was gerade los ist. Und das muss sie auch nicht. Es ist schlimm genug, dass so viele unschuldige Kinder und Familien jetzt direkt von dieser Gewalt betroffen sind“, sagt die junge Mutter, die ihren vollständigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. So deutliche Worte wie von ihr hört man in der bei Russen so beliebten Kurstadt an der Oos gestern selten – oder auch gar nicht. Aus dem Rathaus etwa kommt nur eisernes Schweigen.

Wirtschaftliche Folgen noch nicht absehbar

Die Oberbürgermeisterin werde sich nicht zum aktuellen Konflikt äußern – auch nicht zum Thema Städtepartnerschaft, heißt es aus der Pressestelle. Baden-Baden unterhält gleich zu zwei Städten in den Krisenländern freundschaftliche Beziehungen: Zum russischen Sotschi und zum eigentlich ukrainischen, aber mittlerweile von Russland mit samt der Krim annektierten Jalta. Am Nachmittag wird lediglich die Olympiaflagge am Rathaus durch die weitgehend unbekannte Flagge der Majors-for-Peace-Organisation (Bürgermeister für Frieden) ersetzt. Dabei hatte sich die Kurstadt in einer Verlautbarung von Oberbürgermeisterin Margret Mergen erst vor wenigen Tagen als Ort für ein Treffen der Beteiligten angeboten.

Und auch wirtschaftlich sind die Folgen für die Kurstadt, die einst russische Dichter und sogar Zaren beherbergte und im Großreich hoch im Kurs steht, nicht absehbar. Machten doch vor dem Einbruch durch die Coronakrise Touristen aus Russland und der Ukraine das Gros der ausländischen Übernachtungsgäste aus (2019 zwölf Prozent aller Übernachtungen).

Kur- und Tourismuschefin Nora Waggershauser befürchtet gestern auf BT-Anfrage ein vollkommenes Erliegen des Tourismus aus den Krisenstaaten. Man müsse die weitere Entwicklung abwarten, aber es sei sehr fraglich, wie stark Russen noch reisten oder in Zukunft überhaupt reisen dürften innerhalb Europas. Zwar sei der kurstädtische Tourismus durch Corona jetzt breiter aufgestellt als noch 2019 („Mehr Inlandstouristen“), doch Russen seien eine wichtige Zielgruppe, da sie exakt das nachfragten, was Baden-Baden zu bieten habe. Sie seien ein sehr wichtiges Klientel für den Einzelhandel und auch für medizinische Einrichtungen in der Stadt und darüber hinaus sehr kulturell interessiert.

Deutsch-russische Kulturgesellschaft will Dialog stärken

Ohnehin sind gerade im kulturellen Bereich die Verbindungen der Kurstadt mit Russland eng. Insofern meldet sich gestern auch der Vorsitzende der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft Baden-Baden, René Lohs, zu Wort: Es bestehe die Gefahr, dass der kulturelle Austausch zwischen Deutschland und Russland nachhaltigen Schaden nehme. Aufgrund der Beziehungen zwischen Deutschen und Russen in Baden-Baden, die sich in der Vergangenheit „zu beiderseitigem Vorteil entwickelt“ hätten, sieht es die Kulturgesellschaft als ihre „Aufgabe und historische Verpflichtung an, die Völkerverständigung zwischen Deutschen und Russen durch einen lebendigen Kulturdialog in Baden-Baden auch weiterhin zu stärken“. Dialog sei ohnehin derzeit „der einzige Weg, den vielfältigen Interessen an den deutsch-russischen Beziehungen gerecht zu werden“, heißt es schließlich.

„Unsere Arbeit muss jetzt ruhen“, sagt hingegen Renate Effern von der Turgenev-Gesellschaft. Niemand habe derzeit, in dieser „gravierenden Lage“ die Gelassenheit, sich mit Literatur aus dem 19. Jahrhundert zu beschäftigen. Sowohl russisch-, als auch ukrainischstämmige Personen zählen zu den Mitgliedern des Vereins.

Im Festspielhaus Baden-Baden, das viele russische Künstler zu Gast hat – beispielsweise während der Osterfestspiele die Sängerin Anna Netrebko, die im Zuge der Krim-Krise 2014 Unterstützung für die Separatisten in der Ostukraine gezeigt hatte – heißt es hingegen Abwarten. Wie Pressesprecher Rüdiger Beermann erklärt, sehe man „kurzfristig keine Beeinträchtigung des Spiel- und Probenbetriebs“. Trotzdem blicke das Festspielhaus „mit Besorgnis auf die derzeitige Lage“. Ob diese jedoch konkrete Auswirkungen auf Kulturveranstaltungen vor Ort haben werden, sei noch nicht abzusehen. Das Fabergé Museum will sich zur politischen Lage in der Ukraine und möglichen Auswirkungen nicht äußern. Genauso im Mix-Markt in der Lichtentaler Straße, der typisch russische Lebensmittel im Angebot hat. Weder der Geschäftsführer noch die Angestellten wollen zur derzeitigen Situation etwas sagen.

Kaum jemand möchte etwas sagen

Ein Angestellter eines bekannten Wirtshauses in der Kurstadt äußert sich dagegen besorgt. Er stamme ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion und habe noch immer Familie in Kirgistan. „Die sind zwar nicht direkt von der Waffengewalt betroffen, aber ich habe große Sorgen vor den ökonomischen Folgen für alle Länder im Osten“, meint er. „Vielen ging es vorher schon schlecht und jetzt werden die Lebensumstände noch schlimmer“, befürchtet er. Dass es tatsächlich zum Krieg kommen würde, habe er bis zuletzt nicht für möglich gehalten. „Ich hätte nie gedacht, dass es in der heutigen Zeit in Europa tatsächlich noch einmal so weit kommt.“

Das scheint auch Anastasia K. so zu gehen. Was sie von Putins Schritt konkret hält, möchte sie öffentlich nicht sagen, „aber Gewalt – Waffengewalt – das kann nie eine gute Lösung sein“, sagt sie.

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