Zwei Muslime erzählen vom Ramadan

Gaggenau (BNN) – Zwei Muslime aus dem Murgtal berichten über ihren Alltag im Fastenmonat Ramadan – was ihnen schwerfällt und was sie an dieser Herausforderung schätzen.

Ausgiebiges Frühstück: Nadim, Elif und Kadim Köprücü (von links) essen im Ramadan früh morgens immer warme Speisen, die am Vorabend übrig geblieben sind. Foto: Aleyna Köprücü

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Ausgiebiges Frühstück: Nadim, Elif und Kadim Köprücü (von links) essen im Ramadan früh morgens immer warme Speisen, die am Vorabend übrig geblieben sind. Foto: Aleyna Köprücü

Es ist kurz vor 4.30 Uhr. Nadim Köprücü aus Gaggenau sitzt vor einem reich gedeckten Esstisch. Pizzabrot, Reis, Hackfleisch mit Gemüseeintopf, Kuchen. Neben dem 43-Jährigen nehmen sein Sohn Kadim und seine Frau Elif Platz. Dann fangen sie an, die teils aufgewärmten Speisen vom Vorabend zu essen.

„Für uns ist dieses ausgiebige Frühstück in den kommenden Wochen Normalität“, sagt Köprücü. Er und seine Familie begehen nämlich den Ramadan. Das ist der muslimische Fastenmonat und dauert vom 1. April bis zum 1. Mai. In diesen Wochen dürfen Muslime nur zwischen Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang essen und trinken. Nach dem Frühstück und anschließendem Gebet muss sich auch Köprücü bis abends gegen 20.15 Uhr gedulden, ehe er wieder Nahrung zu sich nehmen kann. „Die ersten zwei Tage sind immer hart“, sagt er. „Der Körper kämpft und verlangt Essen und Trinken.“ Eine große Umgewöhnung sei für ihn auch, auf Zigaretten zu verzichten, betont Köprücü schmunzelnd. „Rauchen ist tabu im Ramadan.“

Wasserverzicht als große Herausforderung

Doch nach zwei Tagen falle der Verzicht auf Nikotin und Nahrung schon viel leichter. „Der Körper gewöhnt sich schnell daran.“ Für einige Menschen sei das alles nur schwer nachvollziehbar: Köprücü hört nach eigener Aussage häufig die Frage: „Dürft ihr wirklich auch nichts trinken?!“ Seine Antwort: „Ja.“ Auf Wasser zu verzichten, sei für ihn und andere auch die größte Herausforderung im Ramadan.

Um die fehlende Nahrungsaufnahme zu kompensieren, versucht Köprücü, sich in seiner freien Zeit so wenig wie möglich anzustrengen. „Sport mache ich sowieso nicht“, sagt er und lacht. Doch zum Beispiel die Gartenarbeit gehe er deutlich ruhiger an. Ansonsten folgt Köprücü seinem gewohnten Arbeitsalltag im Drei-Schicht-Betrieb. „Das Leben soll im Ramadan ganz normal weitergehen“, betont er.

Fastenbrechen lebt von der Geselligkeit

Anders ist die Situation bei Mahmut Pervaneli. Der Vorsitzende des türkischen Schulelternvereins in Gaggenau kann aktuell nicht arbeiten, weil er Corona hat. Trotzdem fastet der Kuppenheimer. „Klar, mit der Infektion ist das eine zusätzliche Belastung. Doch bisher läuft es gut, der Verlauf ist relativ mild.“ Der 52-Jährige will nur dann mit dem Fasten aufhören, wenn es ihm dadurch merklich schlechter geht. Schließlich sind Kranke, Schwangere, Stillende und Kinder vor der Pubertät nicht zum Ramadan verpflichtet.

Pervaneli berichtet, dass neben seiner Frau und ihm auch seine drei Kinder fasteten. Beim Essen leiste er ihnen trotz seiner Corona-Erkrankung Gesellschaft. „Ich halte großen Abstand und trage Maske.“ Denn: „Gerade das Fastenbrechen am Abend – also die Mahlzeit nach Sonnenuntergang – lebt von der Geselligkeit.“ Der sogenannte Iftar verschiebt sich jeden Abend mit dem Sonnenuntergang um wenige Augenblicke. Pervaneli nutzt zur Orientierung eine App, die tagtäglich den genauen Zeitpunkt angibt. „Auf das Fastenbrechen freut man sich den ganzen Tag“, sagt er. „Zuerst essen wir immer Datteln mit Wasser.“

„Ramadan erweckt Dankbarkeitsgefühle“

Danach stehe eine Suppe auf dem Speiseplan. Und im Anschluss gebe es warmes Essen wie Hähnchen mit Reis oder Kartoffelgerichte. Beim Gaggenauer Köprücü sieht die Speisekarte beim Iftar ähnlich aus. Lachend sagt er: „Für mich muss auch immer Fleisch dabei sein.“ Vor Corona habe sich seine Familie oft mit anderen Familien zum Fastenbrechen getroffen. Das sei aber aufgrund der Pandemie deutlich zurückgegangen.

Doch das Nachtgebet nach dem Essen läuft in diesem Jahr wieder in einem größeren Rahmen ab. „Traditionell treffen sich viele Muslime dafür in der Moschee“, sagt Köprücü. Mit dem Wegfall von Corona-Einschränkungen sei das auch im Gotteshaus in Bad Rotenfels wieder möglich. „Die Atmosphäre ist ganz toll.“

Neben der Geselligkeit sehen Köprücü und Pervaneli viele weitere Vorteile im Fastenmonat. Letzterer betont, dass der Körper dadurch gereinigt werde und „mal runterfahren“ könne. Köprücü erklärt derweil: „Der Ramadan erweckt Dankbarkeitsgefühle.“ Der Verzicht auf Essen und Trinken schärfe die Sinne dafür, wie es armen Menschen jeden Tag ergeht. Darüber hinaus lerne man, den eigenen Körper unter Kontrolle zu halten. Das fällt aus Köprücüs und Pervanelis Sicht derzeit relativ leicht. Sie sind sich einig: Wenn der Ramadan in die heißen Sommermonate fällt, sei der Verzicht auf Nahrung und Wasser deutlich schwerer auszuhalten.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Adrian Mahler

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Erstellt:
11. April 2022, 06:39 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 19sec

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