Zwei Online-Lehrer aus Mittelbaden erfolgreich

Malsch/Bühl (BNN) – Die -Pandemie bescherte Youtube-Nachhilfelehrern wie dem Malscher Mirko Drotschmann oder dem Bühler Bob Blume einen Boom – mittlerweile haben sie sich dauerhaft etabliert.

Seit dem Lockdown ist es für viele Schüler normal geworden, Lerninhalte über den Computer zu erarbeiten. Symbolfoto: Daniel Reinhardt/dpa

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Seit dem Lockdown ist es für viele Schüler normal geworden, Lerninhalte über den Computer zu erarbeiten. Symbolfoto: Daniel Reinhardt/dpa

Rund vier Stunden am Tag – hochgerechnet sind das 1.460 Stunden im Jahr. Laut einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest ist das die durchschnittliche Zeit, die Jugendliche im Jahr 2021 im Internet verbracht hatten. Das Videoportal Youtube war dabei nach wie vor eine der am häufigsten verwendeten Social-Media-Plattformen. Wer nun aber die Nutzung von Youtube mit einer reinen Freizeitbeschäftigung assoziiert, liegt falsch. Auch Videos zu schul- und studienrelevanten Themen standen unter den Befragten hoch im Kurs.

Mirko Drotschmann aus Malsch hat rund 1,7 Millionen Abonnenten

Einer der bekanntesten Nachhilfelehrer auf Youtube ist Mirko Drotschmann, auch bekannt unter seinen beiden Kanalnamen „MrWissen2go“ und „MrWissen2go Geschichte“. Vor allem der Kanal „MrWissen2go“ hat mit nahezu 1,7 Millionen Abonnenten eine sehr hohe Reichweite im deutschsprachigen Raum. Insbesondere während der pandemiebedingten Schulschließungen bemerkte der gebürtige Malscher eine steigende Popularität seiner Lernvideos: „Die Aufrufzahlen sind auf jeden Fall gestiegen, vor allem für den Kanal ‚MrWissen2go Geschichte‘, der auch viele Schulthemen abdeckt. Da haben wir gerade zu Beginn des ersten Lockdowns 2020, aber auch in den zweiten Lockdown hinein, die Aufrufzahlen verdoppeln können. Und das ist auch kontinuierlich so geblieben.“

Online-Unterricht im Nebenjob

Die Idee für seinen Youtube-Kanal hatte Drotschmann, ehemaliger Geschichtsstudent des KIT und Geschäftsführer des Medienunternehmens „objektiv media GmbH“, als er mit seinem Schwager für dessen Geschichte-Abitur lernte: „Wir haben zusammen gelernt und irgendwie hat er es dann verstanden. Da dachte ich mir, das wäre doch eine schöne Möglichkeit für Youtube. Da könnte ich es doch auch mal probieren. Und dann bin ich drangeblieben.“

Fast 1,7 Millionen Abonnenten: Der Malscher Mirko Drotschmann, auch bekannt als „MrWissen2go“, ist ein gefragter Online-Lehrer. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa

Fast 1,7 Millionen Abonnenten: Der Malscher Mirko Drotschmann, auch bekannt als „MrWissen2go“, ist ein gefragter Online-Lehrer. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa

Kommentare wie „Unfassbar gute Aufbereitung des Themas! Mir fehlen die Worte!“ oder „Zum ersten Mal habe ich dieses komplexe Thema ansatzweise verstanden, danke!“ findet man zuhauf unter seinen Videos. Ein anderer User schreibt: „Wieso bist du nicht Geschichtslehrer geworden? Dir könnte man stundenlang zuhören.“

Positive Rückmeldungen freuen Drotschmann: „Wenn die Leute mit den Videos insofern was anfangen können, dass es ihnen hilft, in der Schule gut abzuschneiden, dann ist das sehr schön. Noch mehr freut es mich, wenn mir Leute schreiben, dass sie sich früher nie für Geschichte interessiert haben, aber durch die Videos auf den Geschmack gekommen sind und jetzt sogar Geschichte studieren.“ Drotschmann ergänzt: „Das sind immer ganz tolle Nachrichten.“

Videos ersetzen keinen Unterricht, aber sie ergänzen ihn im Idealfall

Dennoch ersetzen Youtube-Videos alleine keinen Schulunterricht, da die Interaktion mit der Klasse und vor allem auch dem Lehrer auf der Strecke bleibt. Kommentare unter den Videos wie „besser als Schulunterricht“ findet Drotschmann deshalb auch „ein bisschen unfair“. Seiner Meinung nach ist ein großer Vorteil von digitalen Lernangeboten, dass die individuellen Bedürfnisse des Konsumenten mehr berücksichtigt werden können.

Im Gegensatz zum Unterricht im Klassenzimmer bieten digitale Erklär-Videos die Möglichkeit, das Lerntempo entsprechend anzupassen, da man sie pausieren und beliebig oft wiederholen kann. Zudem seien seine Videos meist auch nur eine kompakte und präzise Zusammenfassung von Informationen. „Eine Unterrichtsstunde basiert ja auf so viel mehr als auf der bloßen Weitergabe von Informationen“, erklärt Drotschmann, „Da finden Diskussionen statt, Wissenstransfer und vieles mehr. Das sind Dinge, die wir in Videos gar nicht abbilden können – auch gar nicht abbilden wollen.“

Bühler Lehrer Blume: setzt auf „umgedrehten Unterricht“

Auch Bob Blume, Lehrer am Windeck-Gymnasium in Bühl und Betreiber eines YouTube-Kanals, kann aus seiner eigenen Erfahrungen aus dem Lehreralltag bestätigen, dass „bestehender Präsenz-Unterricht nicht einfach digitalisiert werden kann“. Vielmehr muss es eine Verzahnung zwischen Lernvideos und dem Präsenz-Unterricht im Klassenzimmer geben. Dieses Unterrichtskonzept wird auch als Flipped Classroom (deutsch: umgedrehter Unterricht/Klassenzimmer) bezeichnet, was bedeutet, dass Schüler sich die Lerninhalte – beispielsweise durch Videos – selbst zuhause aneignen.

Der Bühler Oberstudienrat Bob Blume sieht im Online-Lernen ein Zusatzangebot zum Präsenzunterricht. Foto: Katrin König-Derki

Der Bühler Oberstudienrat Bob Blume sieht im Online-Lernen ein Zusatzangebot zum Präsenzunterricht. Foto: Katrin König-Derki

Im Schulunterricht wird dann das Gelernte besprochen und bei Unklarheiten können die Schüler Nachfragen stellen. Zudem sollen Übungsaufgaben in der Schule zum tieferen Verständnis beitragen. Blume erklärt: „Alles was ich sowieso die nächsten 40 Jahre wiederhole, kann ich genauso gut aus dem Unterricht auslagern.“ Die Unterrichtszeit könne er dann dafür nutzen, um auf die individuellen Fragen und Verständnisprobleme seiner Schüler weiter einzugehen.

Kritik an „verschlafenen“ Chancen im Lehramtsstudium

Vor fast zwei Jahren – am 17. März 2020 – blieben zum ersten Mal die Schulen und Kindergärten in Baden-Württemberg geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verzögern. Obwohl durch die Schulschließungen die Nutzung digitaler Möglichkeiten im Schulalltag unvermeidbar wurde, muss auch nach zwei Jahren Pandemie im Bereich Digitalisierung immer noch viel getan werden.

Oberstudienrat Blume sieht die Anfänge der Digitalisierungsproblematik schon im Lehramtsstudium, das seiner Ansicht nach eine „dringende Reform bräuchte“. Dass der Stand der Digitalisierung von Schule zu Schule immens variiert, liegt Bob Blume zufolge an „16 Jahren verschlafener Bildungspolitik“.

Drotschmann, der als Mitglied im Landesrat für digitale Entwicklung und Kultur von Rheinland-Pfalz die rheinland-pfälzische Landesregierung berät, sagt: „Ich glaube, dass insgesamt in diesem Bereich wirklich noch sehr viel Luft nach oben ist.“

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Ihr Autor

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Erstellt:
16. Februar 2022, 09:00 Uhr
Lesedauer:
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