Zwischen Benz und Bullerbü

Gaggenau (hu) – Die Große Kreisstadt arbeitet an einem Imagewechsel. Die Geschichte soll dabei nicht verblassen.

Schrittchenweise auch die Murg erlebbar machen: Philipp Springer, Tanja Riedinger (Mitte) und Judith Feuerer auf den Murgterrassen bei der Flürscheimbrücke. Foto: Swantje Huse

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Schrittchenweise auch die Murg erlebbar machen: Philipp Springer, Tanja Riedinger (Mitte) und Judith Feuerer auf den Murgterrassen bei der Flürscheimbrücke. Foto: Swantje Huse

„Wir sind im Industriegebiet gelandet.“ Das waren die ersten Gedanken, als Judith Feuerer zum ersten Mal nach Gaggenau gekommen ist, um die klag-Bühne zu besuchen, und kurz nach der Abfahrt vor dem Benzwerk an der Ampel stand. Die Episode ist lange her, Feuerer inzwischen Pressesprecherin der Stadt. Das, was sie lachend beschreibt, ist inzwischen ihre berufliche Herausforderung. Und auch die von Citymanager Philipp Springer und Tanja Riedinger, als Leiterin des Bürgerbüros für Tourismus zuständig. Sie arbeiten daran, das Industrie-Image aufzupolieren.

Es sei wesentlich einfacher zu sagen, wo Gaggenau herkommt, als wo es hingehen soll, findet Philipp Springer. „Das ist der Ort, der um die Fabrik entstanden ist. Das ist bis heute in der Wahrnehmung der Menschen.“ Oft werde Gaggenau noch immer mit Unimog, der Küchenmarke oder dem Benzwerk verbunden. „Dadurch ergibt sich ein diffuses Bild. Die Stadt hat irgendwie mit Industrie zu tun“, ist die Erfahrung des Citymanagers.

Dabei sei selbst die Industrie viel vielfältiger gewesen, als es vielen bewusst ist, sagt Feuerer. Fahrräder, Süßwarenautomaten, Emailleschilder, Glasbläser, Klopapier ... „Bis vor 20 Jahren kam noch fast jede Ampel aus Gaggenau. Und auch auf vielen Straßenschildern steht nach wie vor Dambach drauf“, betont sie. „Wir haben hier viele Tüftler gehabt.“

Heute habe die Stadt an der Murg aber viel mehr zu bieten als „nur Industrie“. Kulturangebote mit klag-Bühne oder Kurparkfest, Wellness im Rotherma, das Unimog-Museum oder Naherholung im Kurpark mit Schloss Rotenfels oder auf den zahlreichen Wanderwegen, die Gaggenau und seine Stadtteile durchziehen. „Das sind viele Punkte“, sagt Tanja Riedinger. „Es ist aber auch kein Problem, wenn jemand nur ins Rotherma oder nur ins klag kommt.“

Anders als Rastatt, wo sich vor Jahren zusätzlich zum vorhandenen Angebot ein Tagungshotel beim Landratsamt angesiedelt hat, verfügt Gaggenau weder über ein zentral gelegenes Hotel, noch über ausreichend Tagungsgäste. Es sind eher Tagesgäste und Ausflügler, die hierher kommen – sowohl aus dem Elsass und der Rheinebene, aber auch aus Karlsruhe oder dem südlichen Landkreis. „Durch Corona hat die Heimat wieder mehr an Bedeutung bekommen“, hat Riedinger festgestellt. Und Feuerer sagt: „Auch der Gaggenauer selber, der die Schätze gar nicht mehr so sehr wahrgenommen hat, bemerkt jetzt wieder, dass er eigentlich im Paradies wohnt.“

Gaggenau „neu erfinden“

Dieses Paradiesgefühl wollen Feuerer, Springer und Riedinger mit ihren Teams nach außen tragen. „Ich muss mich nur zehn Minuten zu Fuß irgendwo hinbewegen, dann habe ich einen völlig anderen Blick“, schwärmt der Citymanager. Öffentlichkeitsarbeiterin Feuerer will dabei die Stadtteile ausdrücklich einbeziehen. „Die Bullerbü-Atmosphäre in den Dörfern wird sehr geschätzt.“

Mit welchen Schlagworten Gaggenau künftig zwischen dem barocken Rastatt, dem historischen Gernsbach und dem Genussraum Baiersbronn mit seiner Sterneküche punkten will, ist dabei noch offen. Gemeinsam arbeiten Feuerer, Springer und Riedinger in einem Workshop gerade an der „Neuerfindung Gaggenaus“. Fest steht bisher: Man will sich auf das konzentrieren, was man hat – Geschichte, Natur, aber eben auch Industrie.

Dabei könnten auch neue Dinge entstehen, etwa ein historischer, womöglich interaktiver, Rundgang in der Kernstadt. „Ziel von allem, was wir planen, ist deutlich zu machen: Wir haben in Gaggenau nicht mit Absicht die Häuser abgerissen. Das waren die Bomben“, erklärt Feuerer. Und Springer ergänzt: „Das ist auch unser Erbe.“ Und auf das soll wieder stärker eingegangen werden – auch, weil mit dem Wachstum der Stadt nicht mehr jeder Einwohner um die Geschichte seiner neuen Heimat weiß.

Riesige Ortseingangsschilder à la Karlsruhe werden dabei nicht herauskommen. Wohl auch kein Slogan, wie ihn die Doppelnamen-Stadt Baden-Baden derzeit mit „The good-good life.“ nutzt. Und an einem braunen Autobahnschild ist bereits das Unimog-Museum gescheitert, da Rastatt an dieser Stelle schon auf seine Schlösser aufmerksam macht. Was es am Ende auch wird, eins soll es nicht sein – auswechselbar, sagt Feuerer. „Es soll eine Marke für die Zukunft sein.“

Auch mal für zwei, drei Tage hierher

Tanja Riedinger setzt mittelfristig auch darauf, dass Gaggenau nicht nur Tagesausflügler anlockt, sondern auch Menschen, die zwei oder drei Tage im „Tal der Murg“ verbringen wollen. „Die Träume sind groß und die Umsetzung wird gerade erarbeitet“, sagt sie lachend. Dabei steht die Vernetzung im Zentrum – sowohl in der Stadt als auch zwischen den Gemeinden. So soll dem klag-Besucher idealerweise Lust auf mehr Gaggenau gemacht werden. Aber eben auch dem Baiersbronn-Urlauber oder anderen Besuchern der Region. Deshalb ist Gaggenau auch Teil des Tourismus-Zweckverbands „Im Tal der Murg“ und der Nationalparkregion: „Das ist für uns sehr wichtig.“

Jahrhunderte lang ein Dorf

Der Ort ist erstmals 1243 urkundlich erwähnt worden und blieb über Jahrhunderte ein Dorf. Mit der industriellen Revolution nahm Gaggenaus Aufschwung Fahrt auf. Er manifestiert sich unter anderem in der Gründung der Eisenwerke 1873. Sie prägen noch heute die Innenstadt mit. Mit der Ansiedlung der Automobilindustrie florierte die Wirtschaft weiter. Gaggenau erhielt 1922 die Stadtrechte.

100 Jahre Stadtrechte: Das Stadtjubiläum wird 2022 mit Veranstaltungen, Konzerten und Ausstellungen gefeiert. Höhepunkt soll das dreitägige Stadtfest vom 16. bis 18. September sein.

Der 2. Weltkrieg: Am 10. September und 3. Oktober 1944 wurden die Kernstadt und Ottenau wegen der Fahrzeugindustrie von den Alliierten bombardiert: 70 Prozent der Stadt lagen anschließend in Schutt und Asche. Der Wiederaufbau wurde mit dem Rathaus 1958 abgeschlossen. Im Kurpark von Bad Rotenfels erinnern Fundamente an ein sogenanntes Sicherungslager, in dem ab September 1944 Zwangsarbeiter interniert waren.

Entwicklung: Vier Jahre nach Erhalt der Stadtrechte hat Gaggenau 4.162 Einwohner. Im Mai 1970, kurz bevor Gaggenau 1971 zur Großen Kreisstadt erhoben wird, sind es 21.132 Einwohner. Am 30. September 2021 knackt Gaggenau die 30.000er-Marke.

Manchmal wie im schwedischen Dorf

Bullerbü gibt es übrigens tatsächlich, heißt aber Sevedstorp. Das kleine Dorf mit drei Häusern in einer Reihe ist Vorbild für Geschichten der Schwedischen Autorin Astrid Lindgren. In Sevedstorp wurden auch die Filme von Lasse Hallström über die Kinder in Bullerbü aufgenommen. Der Name könnte sich auf das schwedische Wort Buller beziehen, denn das ist es, was Kinder gerne machen: Krach. (tom)

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