Zwischen Liebeskummer und Schulhofzwist in Baden-Baden

Baden-Baden (BNN) – Ansgar Groß kennt sich als Schulsozialarbeiter in Baden-Baden mit den Problemen von Heranwachsenden aus. Die Geschichte über einen Jungen geht ihm dabei nicht aus dem Kopf.

Offenes Ohr: Ansgar Groß lässt die Tür seines Büros zwischen Terminen offenstehen. So können die Schüler einfach reinkommen. Foto: Karoline Scharfe

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Offenes Ohr: Ansgar Groß lässt die Tür seines Büros zwischen Terminen offenstehen. So können die Schüler einfach reinkommen. Foto: Karoline Scharfe

Fehlzeiten, Streit auf dem Schulhof und Liebeskummer: Mit solchen Themen kennt sich Ansgar Groß aus. Der Schulsozialarbeiter befasst sich mit sämtlichen Problemen seiner Schüler. Seit 2012 arbeitet der 33-Jährige als Sozialarbeiter an der Theodor-Heuss-Schule in Baden-Baden. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Karoline Scharfe erzählt er, wie er die Pandemie erlebt hat. Und er berichtet von der Geschichte eines Jungen, die ihm nicht aus dem Kopf geht.

BT: Herr Groß, Sie sind Schulsozialarbeiter. Was machen Sie da eigentlich?
Ansgar Groß: Ich bin für die Schüler da. Als Ansprechpartner unterstütze ich sie auf ihrem Weg zum Abschluss. Dabei spreche ich mit ihnen über unterschiedlichste Themen. Zum Beispiel schlichte ich Konflikte in der Schule oder beantworte Fragen zu Freizeitangeboten. Und ich stärke die Klassengemeinschaft mit Projekten. Ich organisiere Spiele, bei denen sich die Schüler untereinander helfen müssen, um ans Ziel zu kommen.

BT: Einige Schulsozialarbeiter geben auch Medikamente aus. Wo endet für Sie Schulsozialarbeit?
Groß: Das war bisher bei mir noch kein Thema, aber meine Arbeit hat natürlich ihre fachlichen Grenzen. Meine Kollegin Katharina Wald und ich sind oftmals die erste Anlaufstelle für Schüler. Merke ich etwa im Gespräch, dass ein Kind traumatisiert ist, suche ich Hilfe bei Ärzten und Therapeuten. Ich arbeite auch eng mit der psychologischen Beratungsstelle zusammen.

BT: Wo stehen Sie in der Schulhierarchie?
Groß: In meiner Anfangszeit verwechselten mich Schüler öfters mit Lehrern. Mit der Zeit verstanden sie, was ein Schulsozialarbeiter so macht. Beziehungsarbeit ist für den Erfolg meiner Arbeit maßgebend. Und ich muss in der Schule präsent sein. Damit die Kinder wissen, dass es mich gibt. Deshalb lasse ich zwischen Terminen auch meine Bürotür offenstehen. So können die Schüler einfach hereinkommen. Im Grunde bin ich ein externer Berater, da ich bei der Stadt angestellt bin. Meine Arbeit beruht auf Freiwilligkeit, mit Zwang geht da nichts.

„Ich ging mit ihnen joggen“

BT: Wie haben Sie die Pandemie erlebt?
Groß: Im Lockdown habe ich weitergearbeitet. Allerdings waren die Schüler schwer zu erreichen. Wir stiegen dann auf eine Online-Plattform um, weil die Kinder und Jugendlichen virtuell weniger Hemmungen hatten. Außerdem boten wir ein Sportangebot für einzelne Schüler an. Ich ging mit ihnen joggen. Nach Ende des Lockdowns waren viele Schüler erst zurückhaltend. Ich musste neue Kontakte zu ihnen knüpfen und Vertrauen aufbauen. Mittlerweile herrscht wieder der gewohnte Schulalltag.

BT: Mit welchen Problemen kommen die meisten Schüler zu Ihnen?
Groß: Die Themen sind vielfältig. Es geht um Konflikte auf dem Pausenhof, aber auch familiäre Probleme wie die Trennung der Eltern.

BT: Gibt es eine Geschichte, die Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?
Groß: Ja, ein Klassenlehrer kam einmal mit einem Jungen (7. Klasse) zum Gespräch. Er fiel im Unterricht regelmäßig durch Störungen auf und hatte viele Fehlzeiten. Zudem kam es in den Pausen zu Konflikten mit Mitschülern, die teilweise auch in Gewalt endeten. Er wurde auf einer anderen Schule gemobbt. Ich fragte ihn dann erst mal nach seiner Sichtweise. Durch die Gespräche öffnete er sich nach und nach. Er gewann Vertrauen zu mir. Aber es gab auch immer wieder Rückschläge. Unter anderem trennten sich seine Eltern. Ich unterstützte ihn weiter. Dabei arbeitete ich mit seinen Eltern und Lehrern zusammen. So besserte er sich und machte letztlich seinen Schulabschluss.

Handlungsbedarf beim Thema Gehalt

BT: Das klingt nach viel Arbeit. Machen Sie viele Überstunden?
Groß: Überstunden gehören in meinem Beruf dazu. Die gleiche ich in den Ferien aus. Wir sind derzeit wieder gut ausgelastet. Es gibt Tage, an denen ich mich gerne teilen würde, aber das ist in anderen Arbeitsbereichen nicht anders.

BT: Eine Schulsozialarbeiterin hat gegenüber der Zeitung „Taz“ gesagt, dass der Schulsozialarbeiter der „am schlechtesten bezahlte akademische Beruf“ ist. Was sagen Sie dazu?
Groß: Ja, das Gehalt ist immer wieder ein politisches Thema. Das Arbeitsfeld wird mittlerweile besser entlohnt. Aber meiner Meinung nach besteht hier weiterhin Handlungsbedarf.

BT: Wie trennen Sie Berufliches und Privates?
Groß: Mir hilft die Distanz zwischen Wohnort und Arbeitsstelle. Auf dem Heimweg schaffe ich es meistens, die Gespräche hinter mir zu lassen. Auch Sport hilft mir, den Kopf freizubekommen. Bei schwierigeren Fällen spreche ich mit meiner Kollegin.

Zum Thema
Jugendhilfe: Pausenhof, Flure und Klassenzimmer sind schon lange nicht mehr nur die Domäne von Lehrern und Schülern. Seit Jahren stellen Städte und Kommunen Sozialarbeiter ein – Baden-Baden zählt auch dazu. Die sozialpädagogischen Fachkräfte sind Kummerkasten, Mediatoren und Berater. Sie unterstützen Schüler, Eltern und Lehrer.
Netzwerk: In Baden-Württemberg gibt es den Verein „Netzwerk Schulsozialarbeit“. Er vertritt die Interessen der Schulsozialarbeiter und vernetzt sie untereinander. Zum Beispiel brachte er die Verbände der Jugendsozialarbeit Baden-Württemberg im Februar zusammen. Beim Fachtag diskutierten Vertreter darüber, dass sozial benachteiligte Jugendliche mehr Unterstützung bräuchten.

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Ihr Autor

BNN-Volontärin Karoline Scharfe

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Erstellt:
29. April 2022, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 38sec

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