Zwischen Postkarten-Idyll und „Terror-Nest“:

Von Sibylle Kranich und Dieter Klink

Weißenburg (BT/BNN) – Weißenburg im Elsass ist bei Touristen beliebt. Doch hinter die Fassade schauen wenige. Auf dem Friedhof zeigt das Grab eines Terroristen, dass jedes Idyll zwei Seiten hat.

Zwischen Postkarten-Idyll und „Terror-Nest“:

Die pittoreske Altstadt hat einige Probleme: Weißenburg (Wissembourg) mit dem Rathaus. Foto: Dieter Klink/BT

Die Frühlingssonne, die an diesem Morgen über Weißenburg scheint, kann der riesigen Betonfläche hinter dem Bahnhof den Hauch jener Trostlosigkeit nehmen, der sonst an ihr klebt. Zarte Pflänzchen haben sich ihren Weg durch die Risse im Asphalt gebahnt. Grün leuchtet es auch vom Ende des Platzes.

Vor dem Vordach des Second-Hand-Kaufhauses Emmäus stehen drei etwas aus der Mode gekommene Heimfahrräder mit neonfarbener Beschriftung zum Verkauf. Ein dickes junges Paar in etwas aus der Mode gekommener Kleidung betrachtet sie und diskutiert. Am Pfosten neben der Eingangstür wartet ein kurzbeiniger Hund ungeduldig auf seine Besitzer. Jedes Mal, wenn sich die Schiebetür öffnet, kläfft er wie wild.

Wenigstens sind hier, auf der anderen Seite des ach so pittoresken Zentrums, noch ein paar Menschen unterwegs. Innerhalb der Stadtmauern herrscht um die Mittagszeit schläfrige Stille. Die Lauter fließt still vor sich hin. Die wenigen Geschäfte auf der Hauptstraße sind über Mittag geschlossen. Für ein Météor-Pils im Freien ist die Frühlingssonne noch nicht warm genug und so bleiben die Plastiksessel vor dem Döner-Imbiss leer.

Verwunschene Gässchen und heraus geputzes Fachwerk in Weißenburg

Der Mini-Zug wird es bald richten „Le Petit train de Wissembourg“ eröffnet dieser Tage die touristische Saison. Nach zwei dünnen Jahren in der Corona-Zeit hofft die Kleinstadt wieder auf mehr Gäste, vor allem aus Deutschland. Das kleine Städtchen putzt sich heraus. Die mittelalterliche Stadtmauer, die sehenswerten Bauten, die verwunschenen Gässchen und die Fachwerkhäuser laden zum Verweilen und Schlendern ein.

Claude Schneider betreibt mit ihrem Mann in der Innenstadt, in der „rue nationale“, eine Manufaktur für Kekse und Konfitüre. Ein schnuckeliges Café mit allerlei süßen Köstlichkeiten. Kekse, Schokoladentafeln, Kuchen. Pralinen. Schneider liebt den Ort. „Das Elsass ist als Wohnort ein guter Kompromiss“, sagt die 73-Jährige. „Weder Deutschland noch Frankreich“. Mit ihrem Mann, einem Deutschen, hat sie vier mittlerweile erwachsene Kinder, die alle im Elsass leben. Seit 15 Jahren betreiben sie und ihr Mann die Kekse-Bäckerei.

Im Second-Hand-Kaufhaus hinterm Bahnhof gibt es nichts, was Touristen interessieren könnte. Hier bleiben die Einheimischen unter sich. Sandrine nutzt die Mittagspause zum Stöbern. Sie arbeitet als Verkäuferin in einer der Bäckereien der Altstadt. Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern muss sie ihr Geld zusammenhalten. Ihre älteste Tochter braucht Turnschuhe für den Sportunterricht, der Junge einen Rucksack.

Über Politik mag sie nicht sprechen. Bis zum Wahlsonntag am 10. April ist es nicht mehr lange hin, aber die 35-Jährige wird ohnehin nicht zur Wahl gehen. „Ça ne change rien“, sagt sie und schiebt auf Elsässisch hinterher: „Das ändert nichts.“ Was genau sich ändern sollte, weiß Sandrine allerdings auch nicht so recht. Eigentlich sei ja doch alles ganz okay. Sie lebt im Haus ihrer Eltern, hat einen Job, die Kinder gehen zur Schule. Im Großen und Ganzen sei Weißenburg als Stadt „pas trop mal“ – nicht allzu schlecht. Daran wird ein Monsieur Macron in Paris nicht viel ändern und „la Marine“, wie Sandrine die Kandidatin der Rechten nennt, schon gar nicht.

Die Kaufleute Schneider sehen das ähnlich. „Ich habe seit 1968 nur Lügner gesehen“, schießt es aus Madame heraus. Politikern traut sie generell nicht. Auch Emmanuel Macron nicht. Der komme von den Banken.

Im zweiten Wahlgang könnte es ein Déjà-Vu geben

Die jüngsten Umfragen sehen für Frankreich ein Kopf-an-Kopf-Rennen des amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron und Marine le Pen, voraus. 2017 war es schon einmal so gekommen. Im ersten Wahlgang hatten die Weißenburger ihre Stimmen fast aufs Komma genau gleichmäßig auf die drei wichtigsten Kandidaten verteilt.

Als der rechtskonservative François Fillon im zweiten Wahlgang zurücktreten musste, wanderten seine Wähler aber nicht weiter nach rechts, sondern fast geschlossen ins Macron-Lager. Am Ende wählte Weißenburg zu 65 Prozent Macron und zu 34 Prozent Le Pen.

70 Prozent seiner Gäste kommen aus Deutschland. Er freut sich, dass die Saison nun wieder losgeht. 2020 war tot, sagt er. 2021 nur ein bisschen besser. Er hofft also auf 2022. „Aber klar, die Leute haben gerade andere Sorgen. Die steigenden Benzinpreise, die teure Energie. Auf irgendeine Weise wird sich das auch auf die Wahl auswirken“, vermutet er. Es habe da schon oft Überraschungen gegeben, und dieses Mal könne man die Stimmung nur schwer einschätzen.

Das Elsass, eine Hochburg der Rechten?

Es gab Zeiten, da entsetzte das Elsass mit seiner Vorliebe für die Parteien am äußersten rechten Spektrum. Mitte und Ende der 90er-Jahre war das. Vor allem im südlichen Elsass feierte Marine Le Pens Vater große Erfolge. Rechte Inseln gibt es immer noch. In Werentzhouse im Sundgau zum Beispiel stimmten bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen 48 Prozent für das „Rassemblement national“. Aber solche Ausreißer gibt es in anderen Teilen Frankreichs auch.

„Ich würde sagen, die Weißenburger finden sich in der konservativen Mitte wieder“, sagt Jean-Louis Pfeffer. Der erste Beigeordnete der Bürgermeisterin sieht seine politische Heimat bei den „Républicains“.

Zu den Regionalwahlen im Juni 2021 lag die Mitte-rechts-Partei des Präsidenten des Regionalrates, Jean Rottner, weit vor dem viel weiter rechts stehenden „Rassemblement pour l’Alsace, la Champagne-Ardenne et la Lorraine“. Die Wahlbeteiligung allerdings war besorgniserregend gering. Nur 27 Prozent der Weißenburger gingen zu den Urnen. Zur zweiten Runde gaben nur noch 26 Prozent ihre Stimme ab.

Bürgermeister Jean-Louis Pfeffer sorgt sich daher viel mehr über die Beteiligung an der Wahl als über deren Ausgang. Er hofft, dass die Leute überhaupt wählen gehen. Und nicht nur sagen: Die da oben machen ja doch nur, was sie wollen. Zu den „Présidentielles“ hat er ansonsten nicht viel zu sagen. „Die Menschen hier haben andere Sorgen“, sagt er.

Die kleine Stadt sei hoch verschuldet. Der Amtsvorgänger der jetzigen Bürgermeisterin habe ein Loch von zehn Millionen Euro im Stadtsäckel hinterlassen. Doch die Ausweisung neuer Wohngebiete und die Erschließung von Industriegebieten konnte den Wegzug etlicher Menschen nicht verhindern. „In den 2000-er Jahren haben wir rund 1.000 Einwohner verloren“, erklärt Pfeffer. Weißenburg ist damit wieder unter die 8000er-Marke gefallen.

Weißenburg im Elsass schrumpft immer weiter

Langsam wird es schwer, die Infrastruktur zu erhalten. Das große Krankenhaus am nordwestlichen Stadtrand zum Beispiel. Noch ist es Arbeitgeber für 600 Personen, aber die Geburtshilfestation hat zu kämpfen. Immer weniger Babys werden dort geboren. „Wir versuchen, grenzüberschreitend zu arbeiten“, sagt Pfeffer. Das funktioniert in der Theorie allerdings besser als in der Praxis. „Die Systeme sind eben doch noch sehr unterschiedlich.“

„In den Jahren 1955 bis 1958 hatte Weißenburg seine goldene Zeit“, schwärmt Pierre Moeglin. Vor 20 Jahren hat er einen Verein gegründet, der laut Satzung die „Verbesserung der Lebensqualität in Weißenburg“ zum Ziel hatte. Damals ging es um ein ganz handfestes Problem. Ein Hobby-Pilot nutzte den nur vier Kilometer entfernten Sportflughafen im deutschen Schweighofen für extrem laute Ausflüge mit seinem Privatflugzeug. „Wir haben den Verein gegründet, um das zu unterbinden“, erklärt Moeglin.

In Weißenburg wurde es bald darauf wieder still. Die Lebensqualität war wiederhergestellt. Doch in den Jahren darauf wurde es stiller und stiller. Große deutsche Unternehmen, die sich in den 50er Jahren mit viel Tamtam hier angesiedelt hatten, schrumpften und zogen sich Stück für Stück zurück. Der Werkzeughersteller Wolf, der Wohnmobilbauer Bürstner und das Unternehmen Bruker, das Messgeräte baut, haben zwar noch Werke in Weißenburg, aber die Zahl der Arbeiter ist kontinuierlich zurückgegangen.

Als langjähriger Gemeinderat hat Pierre Moeglin diese Entwicklung lange beobachten können. Das Problem der kleinen Stadt kann er klar benennen. „Es gibt hier keine Jobs mehr.“ Der Blick auf die Arbeitslosenquote täuscht. „Die meisten hier arbeiten in Deutschland“, sagt er.

Das Dorf blutet aus

Der Anteil der Arbeitslosen liegt mit rund acht Prozent unter dem nationalen Niveau, die Lebensqualität ist hoch und trotzdem blutet das Dorf aus. „Die jungen Leute sehen hier keine Perspektive“, sagt Moeglin. Für die Alten sei es aber auch schwierig. „Ich lebe ein wenig außerhalb und fahre nicht mehr gern Auto“, erklärt er. Ein Busverkehr lohnt sich nicht. „Deshalb komme ich nur noch sehr selten in die Stadt.“

Die Rathaus-Mannschaft bemüht sich nach Kräften, dass sich das wieder ändert. Dazu soll auch das nationale Programm „Kleinstädte von morgen“ („Petites villes de demain“), in das Weißenburg aufgenommen wurde, beitragen. Zunächst werden Prioritäten abgesteckt und Pläne ausgearbeitet, ein neuer City-Manager soll den Handel in der Innenstadt beleben. Und dann kann man einzelne Projekte in Paris anmelden und Subventionen abgreifen.

Außerdem startet die Stadt ein Ärzte-Ansiedlungsprogramm. Gerne würde man auch ein grenzüberschreitendes Medizin-Zentrum in Angriff nehmen – frei nach dem Vorbild der deutsch-französischen Pamina-Volkshochschule.

Auch das schäbige Bahnhofsviertel soll sich zu einem Vorzeige-Quartier entwickeln. Pfeffer spricht von einem „vernetzten Campus“, der es ermöglichen soll, in Weißenburg zu studieren, ohne nach Straßburg oder Karlsruhe zu wechseln. Für seine eigenen Kinder kommt die Idee zu spät, sie haben sich bereits in Straßburg niedergelassen.

Jede Stunde fährt ein Zug nach Deutschland

Die Elsass-Metropole werde aber immerhin ab 2024 mit dem Zug besser an Weißenburg angebunden. Bis dahin soll ein Bahnnetz entstehen, das Straßburg stündlich über Weißenburg mit Speyer verbindet. In den Norden, nach Winden und Karlsruhe, besteht so eine stündliche Bahnlinie bereits seit 1997, man hat erst neulich die 25 Jahre gefeiert. Vom Süden will man nun auch mit einer ständigen Verbindung mehr Gäste anlocken. Die Infrastruktur zu stärken, sei für die Kommune lebensnotwendig.

Mit allen Mitteln versucht die Stadtverwaltung die jungen Menschen zu halten. Der Baumwipfelpfad in Drachenbronn, auf einem ehemaligen Militärstützpunkt, wird gerne als Paradebeispiel genannt. Die Freizeitattraktion sorgt für neue Arbeitsplätze, im Pfad-Management und in der angesiedelten Gastronomie.

Pfeffer erzählt stolz, dass man das Gelände für einen symbolischen Euro gekauft habe. Und was dort inzwischen alles entstanden sei – für ihn eine Erfolgsgeschichte. Sogar ein Campingplatz würde gebaut. Eine deutsche Firma backt und verkauft dort nun Flammkuchen und sorge für 50 weitere Arbeitsplätze in der Region.

Einen Bürgerrat hat man eigens gegründet, damit die Menschen selbst an der Gestaltung der Stadt teilhaben können. So entstanden eine Sportanlage im Stadtteil Altenstadt und ein „Garten für die Neugeborenen“, mit neu gepflanzten Bäumen, der sogar überregional in den Medien beachtet wurde, heißt es stolz. Erst neulich bekam Weißenburg wieder einen großen Auftritt in den nationalen 20-Uhr-Nachrichten. Das Städtchen war unter den ersten, das ukrainische Flüchtlinge bei sich aufnahm.

Als Weißenburg den Spitznamen „Terrornest“ erhielt

Leider gibt es da noch eine andere Geschichte. Jean-Louis Pfeffer redet nicht gern vom Spitznamen seiner Stadt. Als „Terrornest“ machte unmittelbar nach den Anschlägen von Paris im November 2015 Schlagzeilen. Foued Mohammed-Aggad, einer der drei Attentäter, die in der Pariser Konzerthalle Bataclan ein Blutbad mit 89 Toten angerichtet hatte, ist hier aufgewachsen.

Lange Jahre war er ein Teil der Stadt. Er ging zur Schule, engagierte sich im Sportverein. Irgendwann muss er sich radikalisiert haben. Die Moscheegemeinden, von denen es in Weißenburg zwei gibt, waren ihm offenbar zu lasch. In Straßburg schloss er sich einer Gruppe an, die ihn nach Syrien schickte.

Nach den Attentaten von Paris kam Foued Mohammed-Aggad nach Weißenburg zurück. Als Leiche. „Wir mussten ihn nehmen“, sagt Pfeffer fast entschuldigend. Das Begräbnis auf dem einzigen Friedhof fand in aller Frühe unter hohem Polizeischutz statt. Es liegt in jener Ecke des Friedhofs, in der alle Gräber nach Mekka orientiert sind. Außer in ihrer Ausrichtung unterscheiden sich die Gräber kaum von denen der anderen. Nur Foueds Grab sticht heraus. Es ist so sehr von Unkraut überwuchert, dass es schon fast wie ein Statement wirkt.

Der Spuk sucht Weißenburg bis heute heim. Erst im Juni 2021 waren die Spezialeinheiten der französischen Polizei mal wieder hier. In den frühen Morgenstunden sprengten sie eine Wohnungstür im Viertel hinter dem Bahnhof. Die Suche nach den Hintermännern und -frauen der Terroranschläge von Paris ist noch immer in vollem Gang.

Pfeffer spricht darüber, wie über einen Schicksalsschlag, den man wohl oder übel ertragen müsse. Doch er will auch nicht verschweigen, dass man bei der Integration nicht immer alles richtiggemacht hat. Nach den Deutschen stellen die Türken die größte Gruppe von Ausländern dar. „Ein Teil ist sehr gut integriert. Der andere überhaupt nicht“, sagt Pfeffer.

Den „Adjoint au maire“ stimmt das traurig. Weißenburg habe so viel zu bieten, schwärmt er. Schöne alte Gebäude, viel Kultur, eine tolle Orgel und noch viel mehr. In der kleinen Provinzstadt hätten sie viele Projekte laufen, setzen auf Bürgerbeteiligung. Auf der großen Ebene aber: Entladen viele seiner Weißenburger am Sonntag ihre Wut, ihren Hass, ihre Gleichgültigkeit einfach, indem sie nicht zur Wahl gehen?