Zwischenstopp auf dem Rastplatz für die Seele

Baden-Baden (rjk) – Die Autobahnkirche St. Christophorus an der A5 bei Baden-Baden ist ein Bauwerk der besonderen Art. Das zeigen auch die Einträge im sogenannten Anliegenbuch.

Grundsteinlegung war am 12. Dezember 1976: Am 23. Juli 1978 wurde die Autobahnkirche Baden-Baden eingeweiht. Foto: Ralf Joachim Kraft/BNN

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Grundsteinlegung war am 12. Dezember 1976: Am 23. Juli 1978 wurde die Autobahnkirche Baden-Baden eingeweiht. Foto: Ralf Joachim Kraft/BNN

Gerade eben schien noch die Sonne, doch innerhalb von Minuten ziehen sich dunkle Wolken zusammen und tauchen die Autobahnkirche Baden-Baden in ein düsteres Licht. Sturm und Regen peitschen an diesem ungemütlichen Februartag übers Land. Hinter einer Baumgruppe lugt die Pyramidenspitze von St. Christophorus hervor. Neben der Kirche flattert die Regenbogenfahne im Wind. Und im Hintergrund rauscht es unaufhörlich.

Die Blechlawine wälzt sich über die Autobahn. Wer abseits des Getöses einen Moment der Stille sucht, der ist in der Autobahnkirche am richtigen Ort. Auf dem „Rastplatz für die Seele“ können Reisende einen „Zwischenstopp bei Gott“ einlegen, ihre Gedanken sortieren, etwas ins Anliegenbuch schreiben oder einfach nur abschalten und den Raum mit seinen großen farbigen Glasfenstern auf sich wirken lassen.

Und damit hat es sich auch schon fast. Denn sehr viel mehr ist wegen Corona im Moment in dem täglich von 8 bis 20 Uhr geöffneten Gotteshaus nicht möglich. „Außer unseren Sonntagsgottesdiensten um 11 Uhr findet wegen der aktuellen Lage nichts statt“, sagt Pastoralreferent Norbert Kasper. Und er ergänzt: „Eine Anmeldung für die Eucharistiefeiern ist aber nicht mehr nötig. Es gelten die bekannten Abstands- und Hygienevorschriften. Es muss eine FFP2-Maske getragen werden.“

Ab 15. März soll es dann wieder das Kontemplations-Angebot „Sitzen in der Stille“ geben, kündigt Pastoralreferent Norbert Kasper an. Kurz darauf, ab 20. März, kommen dann die gerade beschlossenen weitreichenden Lockerungen. Gefragt nach der Entwicklung der Besucherzahlen in Pandemie-Zeiten, erklärt er: „In den Gottesdiensten hatten wir einen deutlichen Rückgang um teils bis zu 50 Prozent zu verzeichnen.“

Das Kreuz als blühender Lebensbaum: Das von Emil Wachter in farbenprächtiger Email-Technik gestaltete Portal der Autobahnkirche. Foto: Ralf Joachim Kraft/BNN

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Das Kreuz als blühender Lebensbaum: Das von Emil Wachter in farbenprächtiger Email-Technik gestaltete Portal der Autobahnkirche. Foto: Ralf Joachim Kraft/BNN

Weniger ausgewirkt habe sich das veränderte Reiseverhalten. Bei den Autofahrern, die fernab der Verkehrshölle die himmlische Ruhe suchen, habe sich kaum etwas verändert. „Hier gibt es fast keinen Unterschied zu Vor-Pandemie-Zeiten“, berichtet Kasper von fast genauso vielen „Laufkunden“ wie früher. „Im Sommer kommen natürlich mehr als jetzt im Winter.“ Doch mit etwas Glück könne man gerade um die Mittagszeit herum durchaus Reisende antreffen.

Und so ist es dann auch. Ein Mann mit schwarzer Jacke betritt die Kirche, geht nach vorn, entzündet eine Kerze, hält kurz inne, murmelt ein Gebet und verschwindet nach wenigen Minuten. Etwas mehr Zeit mitgebracht hat ein Mann mittleren Alters mit hellgrauer Jacke, dunkelgrauem Pulli, Bluejeans und großer blauer Umhängetasche. Schwer beeindruckt zeigt er sich von dem imposanten Bauwerk in Form einer Pyramide.

„Das Ägyptische in kirchlichem Rahmen ist schon sehr ungewöhnlich“, findet Rolf Doppenberg, der vor 15 Jahren schon mal mit seiner Frau hier war. „Ich habe gerade meinen bald 92-jährigen Schwiegervater zur Kur in den Schwarzwald gebracht. Wenn ich Zeit habe, suche ich bei solchen Fahrten ganz gerne mal solche Orte der Ruhe und Einkehr auf“, erzählt der 54-jährige Schriftsteller, der in Bonn lebt, ursprünglich aber aus Nyon bei Genf in der französischen Schweiz stammt. Aktuell schreibt er ein Buch über Jerusalem, wie er sagt.

Noch nie in St. Christophorus war Ulrike Reichert aus Schopfheim. Sie hat ihren Bruder in Wiesbaden besucht und legt spontan einen kleinen Zwischenstopp ein, wie sie sagt. Ganz begeistert ist die 75-Jährige von der Bildsprache der Glasbilder und der Christophorus-Stele des Karlsruher Künstlers Emil Wachter. „Solche spirituellen Begegnungen tun in diesen Zeiten einfach gut. Die Sehnsucht nach Kultur ist riesengroß“, betont die Mutter von fünf Kindern und vielfache Oma.

Ein Zeugnis der Fahrten und Irrfahrten des Lebens: Im Anliegenbuch der Autobahnkirche taucht seit zwei Jahren auch öfters mal das Wort „Corona“ auf. Foto: Ralf Joachim Kraft/BNN

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Ein Zeugnis der Fahrten und Irrfahrten des Lebens: Im Anliegenbuch der Autobahnkirche taucht seit zwei Jahren auch öfters mal das Wort „Corona“ auf. Foto: Ralf Joachim Kraft/BNN

Für sie ist es nicht nur die Ruhe fernab von der Hektik des Verkehrs, die sie sucht und für einen Moment innehalten lässt. Sie ist auch hier, um Kraft zu tanken und zu beten. „Mein Mann war Architekt. Er ist 2021 plötzlich gestorben, aber nicht an Corona, sondern an einem Herzinfarkt. Für mich beginnt jetzt ein ganz neuer Lebensabschnitt“, erzählt Ulrike Reichert, die sich bei einem langen Holztisch aufhält. Auf diesem liegt das sogenannte Anliegenbuch. Das Wort „Corona“ fällt darin des Öfteren mal. „Lieber Gott, mach‘, dass die Pandemie schnell vorübergeht“ heißt es an einer Stelle, „Danke, dass ich die Infektion gut überstanden habe“, an einer anderen.

Auf die Bitte um einen Klinikplatz für den schwer kranken Sohn folgt auf der nächsten Seite die Dankbarkeit dafür, „dass ich Monika kennenlernen durfte“. Es ist ein Buch über die Fahrten und Irrfahrten des Lebens, prall gefüllt mit Alltagssorgen und Schicksalsschlägen, aber auch mit Wünschen, Gebeten und viel Dankbarkeit für Gottes Beistand in schwerer Zeit oder einfach nur für die kurze Atempause – verbunden mit der Bitte, möglichst heil wieder zu Hause anzukommen.

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Ihr Autor

BNN-Mitarbeiter Ralf Joachim Kraft

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Erstellt:
21. Februar 2022, 12:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 31sec

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